"Morgenwunder"


Von Gott.

Morgenwunder.

1907 erhielt Fidus in Zürich vom Philosophen Rudolf Willy, den er im Jahr zuvor als Mitbegründer der Zeitschrift Polis kennengelernt hatte, den Auftrag zum Gemälde Morgenwunder. Willy war ein Schüler von Richard Avenarius, bei dem auch Carl Hauptmann studierte. Kein geringerer als Lenin hat sich mit ihm als den "fortschrittlichsten 'Empiriokritiker‘ und unversöhnlichen Gegner des Idealismus“ in seinem philosophischen Hauptwerk Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie, das er 1908 geschrieben hat, ausführlich auseinandegesetzt.

Mit dem Morgenwunder nimmt Fidus ein Motiv auf, mit er sich unter dem Titel Von Gott als Gegenstück zu seinem Lichtgebet beschäftigt hatte.

Fidus erklärt zur Entwicklung von Zu Gott, das er im Laufer der Zeit zum Lichtgebet entwickelte, und Von Gott und der beabsichtigten Wirkung:

Während “Zu Gott”, anfangs in kindlicher, dann jünglingshafter Männlichkeit sich zum Allgefühl emporreckt – in der Bildlichen Anschaung zur Sonne – kommt “Von Gott” – anfangs in kindlicher, dann in jungfräulicher Art – wie Himmelstau aus rosigem Morgengewölk von Bergeshöhe herab, die Arme dem “Leben” entgegenbreitend – in der Bildanschauung dem Menschen, dem “Leben” entgegen.

Dabei legt er besonderen Wert auf die traditionellerweise fast ausschlliesslich auf Selbstbildnisse beschränkte Blick aus dem Bilde:

Wer die spärlichere Gelegenheit hatte, eins der “Von Gott”-Entwicklungen zu sehen, wird nicht dogamtisch sagen, “es ist unkünstlerisch, daβ sich im Bilde etwas zum Beschauer wendet”. Das kommt ganz auf das Bild an, also im Grunde auf die Stilsicherheit des Gestalters. Jedes “Bild”, d. h. wahrhafte Bilddichtung ist eine “Vision”, eine Schauung; und man kann doch ganz gut die “Vision” haben, als komme etwas auf einen zu. Solches ist doch gerade der besondere religiöse Nebensinn des Begriffes “Vision”.

"Das ist ja Frau Fina!"

Fina Zacharias erzählt in ihren Lebenserinnerungen folgende Anektdote zum Morgenwunder:

Unter den Aufträgen, die Fidus in Zürich mittlerweile erhielt, war auch einer von Rudolf Willy, welcher den Künstler Fidus liebgewonnen hatte und auch dessen Schrift als Kunstwerk bewunderte. Hellsichtiger als ich, malte Fidus für ihn das 'Morgenwunder'. Der Auftrag lautete, das zu malen, was ihm „gerade einfallen würde“. Fidus fiel die Auferstehung einer Frau ein, die, vom Irdischen losgelöst, in einer durchleuchteten Lotosblüte stehend, den roten Mantel ihrer Liebe nun ungehemmt und weit auszubreiten vermag. In dem offenen Haar ein Kranz von roten Rosen und darüber schwebend ein Sternenkreis…

Weder ich, noch irgendeiner unserer zahlreichen Bekannten fand eine Ähnlichkeit. Für uns alle war es Fidusische Seelenmalerei. Als Rudolf Willy es in seinem schön getäfelten Zimmer aufhing, kam sein Schwager hinzu, der in Gegenwart der Dienerin ausrief: "Das ist ja Frau Fina!" Philomena erblaßte und zog sich zurück. Als der einsame Mann aber täglich nach Tische für zwei Ruhestunden vor dem Bilde saß, begann sich allmälich eine Eifersucht zu bekunden, die ihn die nie geahnte Liebe des herben alten Geschöpfes unangenehm sehen ließ. Es war wohl eine Erlösung für ihn, daß sich Fidus später das Bild zu Ausstellungzwecken erbat. Er gab Auftrag, dann als Geschenk an mich zu senden, wodurch die schwer gestörte Ruhe seines einsamen Hauses wieder hergestellt wurde.

Fitz Brupbacher und der Empiriokritizismus

Auch Fritz Brupbacher beschäftigte sich mit dem erwähnten Empiriokritizismus. Wie er in seiner Biographie erzählt, kam er damit durch Rudolf Wlassak in Berührung. Wlassak hatte an der Universität Zürich studiert und war dort als Privatdozent für Physiologie tätig, bevor er sich in Wien für die Abstinzbewegung engagierte und 1922 Leiter der neu gegründeten Trinkerheilstätte "Am Steinhof" wurde.

Brupbacher schreibt über sein Verhältnis zu Wlassak:

Er zog mich zu sich in sein Laboratorium und ließ mich teilnehmen an seinen Experimenten über die Wirkung der Durchschneidung des Rückenmarkes der Frösche. Ich wurde sein Famulus und erhielt von ihm mächtige Anregung auf allen möglichen Gebieten. Durch ihn lernte ich schon im Jahre 1896 das erste Buch von Sigmund Freud kennen, die "Studien über Hysterie", die er mit Breuer zusammen publiziert hatte. Er gab mir das "Frühlingserwachen" von Frank Wedekind in die Hand, schenkte mir den "Niels Lyhne" von Jakobsen und machte mich aufmerksam auf Machs "Analyse der Empfindungen" und den "Empiriokritizismus" von Avenarius, dessen Schüler er war. Führte mich ein in das Haus der Witwe des Philosophen, wo es wunderbare Braten und eine prächtige Bibliothek gab, die wir benutzen durften.

Für Brupbacher ist Wlassak "ein Menschen des Überganges vom Naturalismus zur Neuromantik" und er führt aus:

In diese Stimmung paßte das erste Buch von Sigmund Freud gut hinein. Es lehrte, daß der unterdrückte Affekt die Ursache der nervösen Erkrankungen sei, und daß die Heilung durch Abreagierung - wir übersetzten durch Ausleben des Affektes - erfolgen müsse. Eigentlich war auch Frank Wedekinds "Frühlingserwachen" in der gleichen Richtung, zeigte es uns doch, wie von der Gesellschaft durch Heuchelei unterdrückte Affekte junge Menschenleben zugrunde richteten. Beides war das eine, das eine Mal in Wissenschaft, das andere Mal in Kunst gehüllte Revolte des unterdrückten Individuums gegen die kleinbürgerliche Gesellschaft, die Trieb und Traum unterdrückt.

Vor diesem Hintergrund versteht Brupbacher auch die Kritik Lenins am Empiriokritizismus:

Auch Mach und Avenarius waren nicht weit von der Revolte entfernt, für uns Junge wenigstens. Sie zerstörten alle Metaphysik, alles Feste. Sie predigten, wenn man das Wort brauchen darf, eine metaphysikfreie, eine vorurteilslose Wissenschaft. Vorderhand - nachher wurden die Vorurteile wenigstens von Mach von hinten wieder hineingeschmuggelt - wurden sie wissenschaftlich zertrümmert und es wurde uns Individuen Platz gemacht, so zu leben, wie wir leben wollten. Dieser Individualismus des Empiriokritizismus war der Grund, daß Lenin 1907 Mach und Avenarius mit solcher Vehemenz bekämpfte.
  1. In der englischen Übersetzung online beispielsweise unter Materialism and Empirio-Criticism und Materialism and Empirio-Criticism.
  2. Fidus, Mein Lichtgebet und seine Geschichte. Ebenso die folgenden Zitate. Die Ansichtskarte Von Gott ist als Nummer 117 erschienen, Morgenwunder als Nummer 118.
  3. Lebenserinnerungen einer alten Frau. Band 2, Kreuzwege des Lebens, Leipzig, Zürich 1927, S. 310 f.
  4. 60 Jahre Ketzer. Selbstbiographie von Fritz Brupbacher. Zürich 1935. S. 45.
  5. Ebda., S. 46.
  6. Ebda.

Letzte Änderung: 16. April 2018.