Versuch eines neuen Monismus

In den Kreisen, die der Jugendbewegung angehören oder ihr nahestehen, ist in den letzten Jahren dir Dichterin und Schriftstellerin Gertrud Prellwitz stark beachtet worden. In Mitteldeutschland ist sie durch ihr Eintreten für Muck-Lamberty ausgefallen und hat gegen ihn und seine "Neue Schar" manchen Gegner auf den Plan gerufen. Ihre beiden Werte "Ruth" und "Drude" werden, besonders von Jüngeren, viel gelesen und führen in das neue Jugendringen und Jugendwollen ein.

Was an ihr in der heutigen Zeit der Vertrauenslosigkeit und Niedergeschlagenheit so wohl tut, sind ihre Weltfreudigkeit und ihr felsenfester Glaube an einen neuen Aufstieg unseres Volksgeistes. Sie spürt schon in den Werken schöpferischer Mensckien, einzelner Künstler, Dichter und Denker, die herbe Luft des Vorfrühlings, freilich noch nicht des Frühlings, "weil rund um uns her noch eine Gegenwart lebt, die erst ganz langsam und mit Kämpfen aus der Seelenerstarrtheit des materialistischen Winters erwacht." (Drude S. 139) Und ahnend kündet sie: "Das große Schicksal der Zeit geht weckend hindurch, durch die Reihen der Menschen. Langsam erwachen sie alle."

Gelbst tief religiös fühlend, empfindet sie schmerzlich die Abkehr der neuzeitlichen Geistesentwicklung von dem alten Gottesglauben und sucht Wege, um dem Menschen zu einem einheitlichen Weltbilde zu verhelfen, in dem er sich als einen Teil des Göttlichen wiederfindet. Ihre in dieser Richtung laufenden Gedanken und Ahnungen von einer großen religiösen Erneuerung hat sie in einer Reihe deutscherer Städte vorgetragen und jetzt in einem Buche "Unsere neue Weltanschaung" (Maienverlag, Oberhof i. Thür. 1921) wiederholt, das sich als 4. Auflage ihres früher erschienenen Buches "Der religiöse Mensch und die moderne Geistesentwickklung" bezeichnet.

Ihr Ausgangspunkt ist die über den religiösen Menschen hereingebrochene Not, die darin besteht, daß durch die Naturwissenschaft und Theologie das auf dem Dualismus von Körper und Geist, Welt und Gott beruhende alte Weltbild des Christentums zerstört ist. Sie verheißt aus innerem religiösen Fühlen und Erleben heraus, die sich indes an den Ergebnissen wissenschaftlicher Welterkenntnisse zügeln sollen, ein neues Weltbild, das sie als germanische Weltanschauung he'eickinet. Natur, so entwickelt sie, das All-Seiende und All-Eine, steht nicht im Gegensatz zu Geist und Gott. Natur und Gott sind eins. Diese Anschauung ist entschieden monistisch. indes lehnt G. Prellwitz den heutigen Monimuß, der mechanistisch und materialistisch ist, und den landläufigen Pantheismus ab und bekennt sich zu einem "Panentheismus", dessen Grundanschauungen sind: Natur ist in Gott inbegriffen; die Außenseite Gottes ist die Natur, die Innenseite der Natur ist Gott; Gott ist Allpersönlichkeit mit Allbewußtsein; der Dualisinus ist nur eine - überwundene oder zu übenwindende - Betrachtungsart, durch die der Mensch sich gewöhnte, mit den Kräften der sinnlichen Wahrnehmung und des Denkens die Erscheinungswelt zu erforschen, hingegen mit den Kräften des inneren Schauens sich in das Geistig-Göttliche zu versenken. (Hier bleibt, wie uns scheint, die Frage offen, ob der Mensch die Fähigkeit hat, die die Verfasserin ihm zutraut, diese nach außen und nach innen gerichteten und wirkenden Kräfte zur Gewinnung einer einheitlichen Anschauung zu vereinigen; dann wäre allerdings der Gegensatz zwischen Wissen und Glauben überbrückt.) Der Mensch als Einzelorganismus und Teil der Gott-Natur, so schließt die Verfasserin weiter. vereinigt in sich ein doppeltes Bewußtsein: das Ichbewußtsein und das Allbewußtsein. Aus diesem fließt für ihn die Freiheit des Willens als sittliche Forderung des Dienstes für das Ganze, und indem er seine ganze Kraft nach innen wendet, fühlt er sich geborgen im liebenden Allzusammenhang, in Frieden, Freude und Seligkeit schon diesseits, in Ueberwindung des Todes und in Erwachen und Eingehen in Gott. -

In den beiden letzten Abschnitten baut die Verfasserin endlich mit feinen Betrachtungen das Evangelium Jesu auf dem Grunde der israelitisch-jüdlschen Religion auf und sucht nachzuweisen. daß ihre Weltanschauung, die den Menschen als Teilglied der göttlichen All-Einheit setzt, mit Jesu Kindheitsgefühl gegenüber Gott übereinstimmt. Darum erklärt sie Jesum als vorbildlich höchste führende Gestalt für die kommende neue Weltanschauung für unentbehrlich und schreitet zu einer wohlgelungenen Verteidigung des Christentums gegen den Einwand Ellen Keys und vieler Gebildeter der Gegenwart, daß Jesus nicht das Idealbild der heutigen Menschheit sein könne, weil er Selbstaufopferung nicht Selbstbehauptung verkünde. Andererseits rückt sie von der dogmatisierenden Kirche ab.

Alles in allein ein feines, besinnliches Buch, aus starker Naturverbundenheit und Naturfreude, aber auch aus tiefer Frömmigkeit hervorgequollen und aus schauender Seele mit dichterischem Schwunge und großer Wärine geschrieben; ein ernster Versuch, Christentum und neuzeitliche Geistesentzwicklung in unserem Volke zu versöhnen; anregend wohl auch für den, der der Verfasserin in ihren Panentheismus hinein nicht zu folgen und den Grundstein ihres Gebäudes, die Einheit menschlicher Betrachtungsart und -möglichkeit, das Zusammenwirken äußerer und innerer Erfahrung nicht anzuerkennen vermag.

H. Gerstenberg, in: Hamburgischer Correspondent, 193. Jahrg., 17. Dezember 1923, Nr. 587, S. 2.
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