Gertrud Prellwitz in Zürich

Gertrud Prellwitz war 1903 auf dem Grappenhof in Amden, verliess diesen noch vor Fidus, reiste zurück nach Deutschland, kam aber 1904 nach Zürich, nachdem sich Elsa, die Frau von Fidus, an sie gewandt hatte. Zusammen mit Fidus und Elsa wohnte sie in einer Wohnung an der Moussonstrasse im Quartier Fluntern, die ihnen Fina Zacharias vermittelt hatte.

In Zürich hielt Vorträge Zum Problem von Liebe und Mütterlichkeit im Leben der modernen Frau und Über die Gestalt Jesu im Lichte der geschichtlichen Forschung. Eine Auswahl davon bereitete sie zur Veröffentlichung unter dem Titel Der religiöse Mensch und die moderne Geistesentwicklung vor. Bereits Anfang 1903 hatte Gertrud Prellwitz in Berlin eine Vortragssreihe unter diesem Titel gehalten.

Das Interesse, das die Zeitschrift Frauenbestrebungen Prellwitz entgegenbrachte, widmete sie ihnen doch eine Serie von vier Beiträgen mit Zusammenfassungen ihrer Vorträge, scheint auf den ersten Blick erstaunlich zu sein. [3] Auch wenn etwa die Ausführungen von Prellwitz über Aufklärung und Ehe möglicherweise als fortschrittlich oder zumindest modern empfunden worden sind.

Über die Bedeutung der Frau bei der Aufklärung habe Prellwitz ausgeführt, berichtet die Zeitschrift:

Wenn im jungen Menschen das Sinnenleben erwacht, dann ist der Moment gekommen, wo ihm auch von dem „Liebesleben“ gesprochen werden dürfe und solle als dem Heiligtum des Lebens, auf dessen Ahnen alle erzieherischen Einflüsse seitens der Mutter jahrelang vorbereitet haben! Nur die Frau ist natürlich imstande ihrem Kinde eine Ahnung von der Heiligkeit des Liebeslebens und der Mutterschaft in die junge Seele zu legen, die solche Heiligkeit empfunden und in sich selbst erlebt hat und dazu ist wieder nötig, dass sie von ihrer Mutter im gleichen Sinne dazu vorbereitet worden ist.

Was den Mann betrifft, vertrete sie dagegen die Ansicht:

Auch der Mann kann jenes heilige Liebeserleben in sich selbst nur erfahren, wenn er in gleicher Weise vorbereitet, wie die Frau, und mit rein erhaltener Seele in die Ehe tritt. Erstrebenswert wäre, dass er auch seinen Körper immer und allezeit rein erhalten hätte bis die „hohe Zeit“ seines Lebens gekommen ist, in der er im Liebeserleben mit dem geliebten Weibe die höchst mögliche Potenzierung seiner geistigen und seelischen Kräfte und so gewissermassen einen Abglanz von Gottes Schöpferwonne in sich erlebt. Bis diese hohe Zeit kommt soll er die sich in ihm regenden Sinnentriebe in seelische Tätigkeiten umwandeln und dergestalt auch sich auf die seelischen Evolutionen im Liebeserleben vorbereiten.

Was die Ehe betreffe, wird über Gertrud Prellwitz berichtet, sei sie ein notwendiger Schutz, den der Staat Frau und Kind gewähre. Dazu hätte sie bemerkt:

Aber ein Bündnis zwischen Mann und Weib, das auf andere Motive gegründet ist, als auf gegenseitige Liebe, wird nicht sittlich durch den Spruch des Standesamtes und ein Bund zwischen zwei Menschen, die in hoher, reiner Liebesleidenschaft sich finden und gehören ist nicht unsittlich, auch wenn er nicht legalisiert ist.

Zu ihrer Position wird jedoch klargestellt:

Die Rednerin betont, dass sie nicht für freie Liebe eintrete, weil sie die Ehe als eine den bestehenden sozialen Verhältnissen angepasste notwendige Einrichtung betrachte. Eine Institution, die allerdings sehr der Reform bedarf. Aus dem Schutz, welchen die Ehe gewährt, ist ein Zwang geworden und das Recht zu fordern, was nur als beiderseitiges Geschenk Wert und ethische Berechtigung hat.

Fidus: Am Traualtar, Jugend 1906.

In den Kleinen Lebenserinnerungen bemerkt Fidus launisch, dass Gertrud Prellwitz in Zürich für ihre Vorträge zwar genug Gesinnungsfreunde gefunden hätte, aber keine Zustimmung in der Presse. Diese habe sich in Wendungen ergangen wie, ob da erst eine „Dichterin“ aus Wilmersdorf bei Berlin kommen müsse, um eine neue Religion zu predigen.

Umso erstaunlicher ist das grosse Interesse, dass die Zeitschrift Frauenbestrebungen den Vorträgen entgegengebracht hat (vgl. [[Seinen Körper immer und allezeit rein erhalten]] und [[Ein Bund in hoher, reiner Liebesleidenschaft]]). Interessant ist, dass die drei der vier Berichte, die mit den Initialen P. B. gekennzeichnet sind, aller Wahrscheinlichkeit nach von Pauline Bindschedler verfasst worden sind.

Pauline Bindschedler war in der Zürcher Sektion des Schweizerischen Frauenverbands aktiv und in der Union für Frauenbestrungen, die 1896 gegründet wurde und seit Oktober 1903 die Zeitschrift Frauenbestrebungen herausgab. [4] Regula Schnurrenberger bemerkt zur Union, dass sie gemessen an der Grösse anderer Zürcher Frauenvereine ein Nichts gewesen sei, aber wohl die fortschrittlichste Vereinigung. Und sie präzisiert: „Die Union verzeichnet auf ihren Vortragslisten, vor allem für die öffentlichen Vorträge, viele Frauen und Männer sozialkritischer, feministischer oder sozialistischer Provenienz, darunter auffallend häufig ehemalige Studentinnen und auffallend häufig Frauen, die mit Frauen lebten.“

In der neuen Zeitschrift Frauenbestrebungen schrieb Pauline Bindschedler etwa auch in einem längeren Beitrag. der in zwei Teilen erschien, über das damals in Reformkreisen vielbeachtete Buch Das Jahhundert des Kindes der Reformpädagogin Ellen Key und berichtete über den Vortrag Gedanken über den Mutterberuf der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Helene von Forster Ende 1904 in Zürich [5] Verkünderin der freien Liebe

Mentona Moser, um 1908.

Pauline Bindschedler, die drei der Berichte über die Vorträge von Gertrud Prellwitz in Zürich verfasst hat, wenn nicht alle vier, ist eine der Schwestern von Ida Bindschedler, die als Autorin der beliebten Jugendbücher Die Turnachkinder im Sommer und die Turnachkinder im Winter bekannt geworden ist. [6] Ab 1900 lebte sie zusammen mit der Ärztin Clara Willdenow im Zürcher Seefeld. [7] 1904 zog die Schriftstellerin und Parteifunktionärin Mentona Moser zu ihnen, zu dritt zogen sie 1905 an die Kreuzstrasse.

Mentona Moser hatte eine Freundin, zu deren Freunschaftskreis wiederum Fidus gehörte. In ihrer Biographie Ich habe gelebt berichtet sie:

In enger Gemeinschaft mit Fidus und seiner kleinen, kindlichen Frau und zwei Kindern, lebte Gertrud Prellwitz, die Verkünderin der freien Liebe in Wort und Schrift, auch in der Tat. [8]

Dass sie Gertrud Prellwitz als „Verkünderin der freien Liebe“ bezeichnet, mag überraschen. Auch wenn sie im Folgenden auf ihre sektiererische Lebensweise und -lehre zu sprechen kommt. Wobei sie merkwürdigerweise behauptet, auch Josua Klein habe mit Fidus gelebt:

Ferner Joshua Klein, der sich als zweiter Christus ausgab und entsprechend kleidete. Klein gründete mit diesen Freunden oberhalb des Wallensee in Amden eine Gemeinde. Die Männer und Frauen gingen in weissen, wallenden Gewändern, Sandalen und aufgelöstem Haar herum – auch die Männer trugen lange Haare und lebten den Lehren von Gertrud Prellwitz entsprechend. Die bäuerliche Bevölkerung empörte sich über diesen Aufzug und diese Sitten, und der vermeintliche Christus und seine Jünger mussten das Paradies verlassen und zogen in die Stadt zurück. [9]

Zu Fidus selbst schreibt Mentona Moser:

Der treuen Anhänglichkeit an seinen Meister Diffenbach verdankte er den Übernamen „Fidus“. In Wirklichkeit hiess er Höppner. Er wurde zuerst bekannt durch das Gemälde „Lichtgebet“; es folgten äusserst reizvolle Zeichnungen nackter, tanzender Kinder. Mehr noch entzückte mich aber eine Mappe „Tänze“, weibliche Akte, die die bekanntesten Tänze verkörperten, voller Rhythmus und zart empfunden. Mit der Zeit geriet Fidus in anthroposophisches Fahrwasser, seine Kunst verlor den naiven Zauber, und in seinem Atelier sah man nur noch lebensgrosse Gestalten mit verrenkten Gliedern und weit aufgerissenen, starr in die Ferne blickenden Augen. [10]

Bild: ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Soziale Arbeit, Chronologie.

  1. Vgl. Zürcher Wochen-Chronik, 6. Jahrg., 5. März 1904, Nr. 10, S. 75, 19. März, Nr. 12, S. 90 und 28. März, Nr. 22, S. 170.
  2. Die Publikation erschien 1905 im Berliner Verlag C. A. Schwetschke. Das Vorwort ist "Zürich, im Sommer 1904“ datiert.
  3. General-Anzeiger für die Berliner Abonnenten des Berliner Tageblatt und der Berliner Morgenzeitung, 26. Februar 1903. Online: . Welche Vorträge die Reihe umfasste, ist nicht klar. Im Beitrag wird zum ersten Vortrag ausgeführt: "

a. ß., „Liebe und Mütterlichkeit im Leben der modernen Frau“, in: Frauenbestrebungen, Nr. 7, 1. April 1904, S. 55. Online: Liebe und Mütterlichkeit im Leben der modernen Frau. P. B., „Der religiöse Mensch und die moderne Geistesentwicklung. Vortragscyklus, erster und zweiter Vortrag“, in: Frauenbestrebungen, Nr. 10, 1. Juli 1904, S. 77-78. Online: Erster und zweiter Vortrag. P. B., „Der religiöse Mensch und die moderne Geistesentwicklung. Vortragscyklus, dritter Vortrag“, in: Frauenbestrebungen, Nr. 11, 1. August 1904, S. 85-86. Online: Dritter Vortrag. P. B., „Der religiöse Mensch und die moderne Geistesentwicklung. Vortragscyklus, vierter bis siebenter Vortrag“, in: Frauenbestrebungen, Nr. 1, 1. Januar 1905, S. 6. Online: Vierter bis siebenter Vortrag. Vgl. zu Pauline Bindschedler den Beitrag Mentona Moser (1874-1971), Clara Willdenow (1856-1931), Pauline Bindschedler (1856-1933) von Regula Schnurrenberger auf der Website Lesbengeschichte. „Das Jahrhundert des Kindes von Ellen Key“, in: Frauenbestrebungen, 1. Februar 1905, Nr. 2, S. 14-15. Online: Das Jahrhundert des Kindes von Ellen Key. „Das Jahrhundert des Kindes von Ellen Key“, in: Frauenbestrebungen, 1. April 1905, Nr. 4, S. 29-31. Online: Das Jahrhundert des Kindes von Ellen Key. „Gedanken über den Mutterberuf“, in: Frauenbestrebungen, 1. Dezember 1905, Nr. 12, S. 92-93. Online: Gedanken über den Mutterberuf. Ein weiterer Beitrag „Ellen Key“ von Ida Häny-Lux erschien in den Frauenbestrebungen, 1. August 1905, Nr. 8, S. 63-63. Online: Ellen Key. Vgl. [[Frauenbestrebungen]]. Zu Ida Bindschedler vgl. etwa das Porträt Ida Bindschedler von Charles Linsmayer. Zu Menton Moser der Eintrag Mentona Moser von Susanne Peter-Kubli im Historischen Lexikon der Schweiz. Regula Schnurrenberger, Mentona Moser (1874-1971), Clara Willdenow (1856-1931), Pauline Bindschedler (1856-1933). Mentona Moser, Ich habe gelebt, Zürich 1986, S. 99. Ebda. Ebda., S. 98-99.

Letzte Änderung: 10. Mai 2018.