Mit etwas Phantasie kann die "Zeichnung" auf der Palette im Deckel der Schachtel mit den Farbtuben der Illustration Materialien zur Aquarell- und Ölmalerei und zum Zeichnen der Preisliste der Günther Wagner als Totenkopf und somit das Bild als Vanitas-Stilleben gesehen werden.

Detail 'Materialien zur Aquarell- und Ölmalerei und zum Zeichnen'.
Detail "Materialien zur Aquarell-
und Ölmalerei und zum Zeichnen".
Hendrick Hondius: Vanitas-Stilleben, 1626.
Hendrick Hondius:
"Vanitas-Stilleben", 1626.

Mit zu viel Phantasie? Jedenfalls nimmt Fidus beispielsweise mit der Rückseite eines Keilrahmens, notabane in der Rahmung der Illustration, ein bekanntes Trompe-l'oeil-Motiv auf, wobei er es aber gerade nicht als zeichnerische Illusion verwendet.

Zum andern ist der Totenkopf als Symbol von Vergegänglichkeit und damit Schein und eigentlicher Wirklichkeit ein beliebter Gegenstand von optischen Spielereien. In der Illustration Materialien zur Aquarell- und Ölmalerei und zum Zeichnen würde der Hinweis auf die Raum und Formen schaffenden Gesetze des Sehens durchaus Sinn machen, sind sie doch der eigentliche Gegenstand klassischer Kunst, die einerseits zwar ein materielles, sinnliches Objekt darstellt, andererseits ein Konstrukt ist, dessen Zweck es ist, als Schein der Wirklichkeit die Sinneswahrnehmung zu täuschen.

Hans Holbein der Jüngere: Die Gesandten, 1533.
Hans Holbein der Jüngere:
"Die Gesandten", 1533.
All is Vanity, Verlag Alfred Schweizer.
All is Vanity, Verlag
Alfred Schweizer.

Bekannt und vielleicht das erste Beispiel für das Spiel mit dem Schädel ist die Anamorphose im Gemälde Die Gesandten von Hans Holbein dem Jüngeren. Auf dem 1533 entstandenen Bild schwebt zwischen den beiden Figuren ein verzerrtes Gebilde über dem Boden beziehungsweise über dem Bild, das von unten links betrachtet zum Totenkopf wird.

Das vielleicht bekannteste Bild einer Totenkopf-Illusion ist aber All is Vanity von Charles Allan Gilbert. Das Vexierbild erschien erstmals 1902 im Life Magazine und wird bis heute immer wieder reproduziert und variiert. In Deutschland gab der Hamburger Verlag Alfred Schweizer möglichersweise schon kurz nach seinem Erscheinen eine Postkarte des Bilds heraus.

 L'amour de Pierrot, Ansichtskarte um 1905.
L'amour de Pierrot,
Ansichtskarte um 1905.
 Vincent Peters: Werbung für Dior, 2002 (Agentur: CLM/BBDO Paris).
Vincent Peters: Werbung für Dior,
2002 (Agentur: CLM/BBDO Paris).

Noch mehr Totenköpfe

Ludwig Raders: Illustration zu Erde, 1896
Ludwig Raders: Illustration
zu "Erde", 1896.
Sascha Schneider: Faust, 1897.
Sascha Schneider:
Faust, 1897.
Ernst Ludwig Kirchner: Ein Friedhof, 1905.
Ernst Ludwig Kirchner:
Ein Friedhof, 1905.

Der Totenkopf war nicht nur eine Art Leitmotiv der klassischen Kunst, sondern auch ein beliebtes Motiv der Kunst um die Wende des 19. zum 20. Jahhundert. So zeichnete Sascha Schneider, der als Gestalter von Titelbildern zu Werken Karl Mays bekannt geworden ist, einen vexierbildartigen Totenkopf für eine 1897 herausgekommene Ausgabe von Johann Wolfgang von Goethes Faust. Als Vorlage dazu kann eine Illustration von Ludwig Rades für das Gedichtbuch Erde von Emanuel Freiherr von Bodman, das 1896 erschienen ist, gesehen werden.

Weitere, zu Vignetten stiliiserte Totenköpfe, die es wert sind, hier erwähnt zu werden, sind diejenigen von Ernst Ludwig Kirchner im Zusammenhang mit dem Entwurf einer Friedhofsanlage, seiner Diplomarbeit als Architekt an der Technischen Hochschule Dresden 1905.

Wolkenmann und Schlafwandlerin

Dass sich Fidus tatsächlich mit Bildtäuschungen beschäftigt hat, zeigt Der Wolkenmann. Dies gerade auch, wenn es sich dabei nicht um ein richtiges Vexierbild handelt, also ein Suchbild, das mit der Mehrdeutigkeit von Formen beziehungsweise dem Umkippen von einer Form in eine andere spielt.

Der Wolkenmann, 1893.
Der Wolkenmann, 1893.
Wo ist die Nachtwandlerin?, 1899.
Wo ist die Nachtwandlerin?, 1899.

Der Wolkenmann ist 1893 erstmals in der Zeitschrift Sphinx erschienen. Fast ein Jahrzent später, 1902, war es Teil der Mappe Naturkinder. Aus dem Begleitext zu der insgesamt 10 Blätter umfassenden Sammlung geht hervor, dass Bildtäuschungen seiner Kunstauffassung eigentlich zuwiderlaufen und deshalb sein Vexierbild gewissermassen die Lösung verrät, wenn Fidus postuliert: "Was nicht sichtbar geworden ist, kann als Bildwerk nicht zur Seele sprechen, und was nicht durch eine blosse klare Erscheinung verständlich wurde, geht die schauende Seele nichts an. Hintergedanken sind sündhaft!" Und:

Wo nun kein "Verständnis" erzielt wird, da ist entweder die sichtbare Deutlichkeit der Darstellung nicht erreicht worden, sei es, dass der Künstler in seiner Seele trübe oder in seinem Wissen verworren (und damit auch in seinem Können beschränkt) war - oder der Schauende war blind, verblendet durch Voraussetzungen.
  1. Vgl. Edi Goetschel, Fidus-Serie. Die 1904 in Zürich gezeichneten Illustrationen für die Preisliste der Günther Wagner, Zürich 2011.
  2. Dazu etwa Skull in mirror / Miroir mon beau miroir im Blog Joelapompe.
  3. Zur Deutung des Schädels etwa der Eintrag Die Gesandten in der deutschsprachigen Wikipedia sowie der Beitrag Das Zentrum liegt am Rande von Steffen Siegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die Monographie The Ambassadors von John North.
  4. Zu Gilbert etwa der Eintrag Charles Allan Gilbert in der deutschen Wikipedia, zu All is Vanity der Beitrag The skull beneath the skin im Blog Feuilleton des Künstlers und Designers John Coulthart.
  5. Die Titelbilder sind auf der Website der Karl-May-Gesellschaft unter Titelbilder zu Karl Mays Werken von Sascha Schneider zu finden.
  6. Die Seite mit dem Totenkopf-Motiv wurde auch abgedruckt in: Simplicissimus, 1. Jahrg. 28. November 1896, Nr. 35, S. 3. In derselben Ausgabe erschien eine Zeichnung von Fidus zum Gedicht Bruderseele von Korfiz Holm. Online: Simplicissimus.
  7. Der Architekt Ernst Ludwig Kirchner. Entwurf einer Friedhofsanlage, Diplomarbeit als Architekt an der Technischen Hochschule Dresden 1905. München 1999, S. 11.

Letzte Bearbeitung: 21. Januar 2018.