Tempel im Wasser

Bühnenbild von David Fielding.
Bühnenbild von David Fielding.
Arteplage von Jean Nouvel.
Arteplage von Jean Nouvel.

Es ist erstaunlich, das Arnold Böcklins Die Toteninsel als touristische Sehenswürdigkeit nicht tatsächlich gebaut worden ist. Beispielsweise als Böcklin-Gedenkstätte oder -Museum. Wie überhaupt Kunst-Freizeitparks mit begehbaren Motiven beliebter Gemälde als Attraktionen möglicherweise eine Marktlücke darstellen.

Bis Die Toteninsel für die Seebüne der Bregenzer Festspiele nachgebaut wird, ist es wohl nur eine Frage der Zeit. Für die diesjährige Inszenierung der Oper André Chénier wurde mit Der Tod des Marat von Jacques-Louis David erstmals ein historisches Gemälde als Vorlage verwendet. Der Bühnenbildner David Fielding spielt dabei zudem mit dem Toteninsel-Effekt. So schreibt Gerhard R. Koch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Tribunalszene, dass der Sensenmann umgehe und als Fährmann fungiere: "Böcklins 'Toteninsel' liegt im Bodensee."

Die Minimal-Art-Version der Toteninsel ist beziehungsweise war die Arteplage für die Schweizerische Landesausstellung Expo.02 von Jean Nouvel. Gemäss dem Motto "Augenblick und Ewigkeit", stand, mit den Worten von Martin Heller, dem künstlerische Direktor der Expo.02, "der Monolith wie ein Vorposten der Ewigkeit im See vor Murten". Auf den ersten Blick ein massiver Kubus, handelt es sich bei dem Würfel aus rostendem Stahl doch wie das Bühnnenbild in Bregenz bloss um ephemere Architektur. In einem Interview verweist Heller selbst auf die mit ihm verbundenen Widersprüche:

Jean Nouvel bezieht sich offen auf die "Toteninsel" von Böcklin, und ein verkitschteres Kunstwerk als diese "Toteninsel" gibt es kaum. Darum glaube ich: Diese Ästhetik wirkt durch die Art und Weise, wie sie gemacht ist und wie sie durchsetzt ist mit den Banalitäten des Festes – die Restaurants darin werden von einzelnen Konzessionären geführt, die sich nicht alle auf Jean Nouvel trimmen lassen.

(Ludwig Hasler, Interview mit: Martin Heller, Persönlich, Mai 2002.)

Isle of the Death.
Isle of the Death.
Isle of the Death.
Isle of the Death.

Immerhin hat es Arnold Böcklins Die Toteninsel zum Filmschauplatz geschafft.

In dem von Val Lanton produzierten kammerspielartigen Schwarzweissfilm Isle of the Death mit Boris Karloff aus dem Jahre 1945 werden der Anlegeplatz des Ruderboots, die dunkle Grabkammer in der linken und ein Haus in der rechten Bildhälfte sowie das Zypressenwäldchen, das sie trennt und verbindet, zur einer traumhaften Szenerie, die den Zuschauern und Zuschauerinnen ebenso vertraut ist wie sie letztlich unheimlich, unwirklich und unfassbar bleibt. Dies auch, weil sie verfremdet immer als gemalte, zerbrechliche Kulissenwelt wahrgenommen wird.

The Tales of Hoffmann, 3. Akt.
The Tales of Hoffmann, 3. Akt.

Böcklin selbst ist als Bild in seinem Bild durch das bekannte Selbstbildnis mit fiedelndem Tod präsent und schaut so gewissermassen wie durch ein Fenster von der anderen Seite der Wirklichkeit, in diesem Falle gleichzeitig in und aus einer Welt jenseits der Scheinwelt des Films, der Welt der Kunst als Sphäre der Verewigung auch in die (inszenierte) Wirklichkeit.

Nicht weniger vetrackt ist die Situation in The Tales of Hoffmann, der Verfilmung von Jacques Offenbachs Oper von Michael Powell und Emeric Pressburger aus dem Jahre 1951 (bei YouTube in 12 Teilen unter The Tales of Hoffmann).

Der Telepolis-Autor Hans Schmid führt dazu aus:

Im 3. Akt gibt es eine kleine Studie zur Verunsicherung des Publikums im Horrorfilm durch das Spiel mit zweiter und dritter Dimension. Auf der flächigen Kinoleinwand fährt ein scheinbar dreidimensionaler E. T. A. Hoffmann in einem Boot auf ein gemaltes, zweidimensionales Bühnenbild zu, eine von Hein Heckroth geschaffene Variation auf Arnold Böcklins Gemälde "Die Toteninsel" – ein Bühnenbild, das doch dreidimensional zu sein scheint, weil man die Insel betreten kann (oder auch: zu dem der Held Zugang hat, weil er das zweidimensionale Abbild des in einer dreidimensionalen Welt lebenden Hoffmann-Darstellers ist).
The Tales of Hoffmann, 3. Akt.
The Tales of Hoffmann, 3. Akt.
Das in Böcklins Gemälde hineinfahrende Boot ist ein doppeltes Zitat. In Val Lewtons Isle of the Dead (1945) trägt die in die Fläche des Bildes führende Bootsfahrt Boris Karloff in die Tiefe des Raumes. Bei Powell wird das Ganze noch komplizierter, weil uns, den Zuschauern, durch Hoffmanns Landung auf der Insel bewusst wird, dass wir von Anfang an Teil des gemalten Bühnenbildes waren. Den festen Standpunkt kann es so nicht geben.

(Hans Schmid, "Das Königreich in Gefahr: Spione, Horror-Comics und der Klebstoffmann", in: Telepolis, 19. Juni 2010.)

Wie in Isle of the Death durchweben sich die in einer artifiziellen Wirklichkeit spielende Geschichte mit der verführerischen Welt der Illusionen und der Sphäre des Übersinnlichen. Wobei die Künstlichkeit im Farbfilm weitaus grösser ist als beim Schwarzweissfilm. Die Szenen wirken wie die zum Leben erweckten Szenen eines Bilderbuchs (die Einleitung zur Szene bildet ein Foroalbum oder ein Programmheft mit Schwarzweissfotos und einer Zeichnung der Insel). Dasselbe geschieht auf einer weiteren, "räumlichen" Ebene mit den Skulpturen im Bild, die scheinbar oder tatsächlich, was nicht auszumachen ist, zum Leben erweckt werden.

Auch in The Tales of Hoffmann findet sich übrigens eine Anspielung auf Böcklins Selbstbildnis mit fiedelndem Tod und damit ein weiteres Zitat von Isle of the Death.

Betlis, 1905
Betlis, 1905.
Tempel der Erde.
Tempel der Erde.

Mit Jean Nouvels Monolith schliesst sich der Kreis zu Fidus. Auch sein ebenfalls als Kubus entworfener Tempel der Erde sollte von Wasser umgeben sein. Wie sich Fidus die Umgebung des Baus genau vorgestellt hatte, bleibt allerdings unklar.

Klarheit, wo Tempel der Erde und andere Bauten erstellt werden sollten, hatte dagegen Josua Klein, der Fidus 1903 in seine Siedlungsgemeinschaft nach Amden eingeladen hatte und ihm die entsprechenden Plätze zeigte. In seinen Kleinen Lebenserinnerungen schreibt Fidus:

Z. B. sollte der würfelförmig aus dem heiligen Wasser steigende Tempel der Erde unten am See vor einer kleinen Strandspitze "Bätlis" des sonst steil abfallenden Ufers aufragen. Der "Tempel der eisernen Krone" sollte, meinem Enwurfe gemäß an einer Berglehne unter Amden liegen, der Tempel der Tat, ähnlich entsprechend, an einer hohen, steilen Bergkanzel, die nach Weesen hinunter "drohte". Auf der sanft ansteigenden aber Abhang umdröhten Bergstraße von Weesen herauf sollte ich auf halber Höhe auf dem Felsvorsprunge eine Ausruh- und Andachtskapelle bauen!
  1. Gerhard R. Koch, Aufs Rad der Fortuna geflochten, 25. Juli 2011.

Bild Bregenz: Bregenzer Festspiele, Bild Murten: Roland Zumbühl, picswiss.ch.

Letzte Änderungen: 21. Januar 2018.