Flammarions Holzstich.
Flammarions Holzstich.
Materialien.
Materialien.

Auf eine populäre Graphik scheint die Figur des Mannes der Illustration Materialien zur Aquarell- und Ölmalerei und zum Zeichnen, der auf den Knien unter dem Tisch etwas sucht oder gefunden hat, Bezug zu nehmen. Das Blatt, das als Flammarions Holzstich bekannt ist, mit dem Mann, der am Punkt, wo sich Himmel und Erde berühren, seinen Kopf durch die sternenbesetzte Himmelssphäre steckt und die dahinterliegende Mechanik des Universums erblickt, gilt als exemplarische Darstellung für die Vorstellung im Mittelalter von der Erde als Scheibe und dem Himmelsgewölbe darüber.

Im Zusammenhang mit der Illustration von Fidus würde der Bezug durchaus Sinn machen: Das, worum es letztlich geht, in der Kunst wie im Leben, liegt jenseits der materiellen Welt.

Dem Materialismus der unmittelbar sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit würde gemäss Flammarions Holzstich mit der Vorstellung einer Himmelsmechanik eine Art tranzendenter Materialismus zugrunde liegen. Dieser könnte als Ausruck des Verständnisses der Schöpfung als Maschine verstanden werden oder als Metapher für ein alles umfassendes Prinzip.

Kersting: Caspar David Friedrich in seinem Atelier.
Kersting: Caspar David
Friedrich in seinem Atelier.
Materialien zur Malerei und zum Zeichnen.
Materialien zur Malerei
und zum Zeichnen.
Hodler: Blick in die Ewigkeit, um 1885.
Hodler: Blick in die
Ewigkeit, um 1885.

Der Blick in die Unendlichkeit oder in eine andere Wirklichkeit, damit aber auch in die Leere oder ins Nichts, gehört spätestens seit der Romantik zum Bestand der Motive europäischer Malerei. Caspar David Friedrich war es, der mit Der Mönch am Meer oder Kreidefelsen auf Rügen vieldeutige Ikonen gleichzeitig für die Unfassbarkeit einer Welt jenseits unserer Welt und für das Staunen oder die Ergriffenheit angesichts dieser Erfahrung sowie die damit verbundene Sehnsucht und Melancholie geschaffen hat.

Umgekehrt zeigt der Maler Georg Friedrich Kersting auf seinem Bild Caspar David Friedrich in seinem Atelier den Maler selbst wie einen Mönch in seiner Zelle. Friedrichs Atelier ist, im Gegensatz zu der von Fidus gezeichneten übervollen Materialkammer, weltabgewandter Meditations- und Andachtsraum. Nur das Fenster, Licht- und vielleicht eine Art Erleuchtungsquelle, gibt den Blick frei auf die in quadratische Segmente aufgeteilte und damit gewissermassen nur als einzelne, vermessene Teile wahrehmbare Aussenwelt, einen Fleck blauer Himmel und vor allem Wolken, nicht mit Händen fassbare atmosphärische Erscheinungen.

Wilhelm von Kügelgen, der Sohn des Malers Gerhard von Kügelgen, schreibt in seinen Jugenderinnerungen eines alten Mannes zu Friedrichs Arbeitszimmer im Gegensatz zu demjenigen seines Vaters:

Friedrichs Atelier dagegen war von so absoluter Leerheit, dass Jean Paul es dem ausgeweideten Leichnam eines toten Fürsten hätte vergleichen können. Es fand sich nichts darin als die Staffelei, ein Stuhl und ein Tisch, über welchem als einzigster Wandschmuck eine einsame Reissschiene hing, von der niemand begreifen konnte, wie sie zu der Ehre kam. Sogar der wohlberechtigte Malkasten nebst Ölflaschen und Farbelappen war ins Nebenzimmer verwiesen, denn Friedrich war der Meinung, daß alle äusseren Gegenstände die Bilderwelt im Innern stören.

Die Werkstatt als Ort plötzlicher Erkenntnis verbindet dagegen die Illustration Materialien zur Aquarell- und Ölmalerei und zum Zeichnen von Fidus beziehungsweise dieser als Variation von Flammarions Holzstich oder Parodie darauf und Ferdinand Hodlers Gemälde Blick in die Ewigkeit, das um 1885 entstanden ist. Mit den zwei grossen Balken der Rückwand des Raums gibt Hodler fast überdeutlich den Blickwinkel Richtung Unendlichkeit vor.

Mr et Mme C. Flammarion: Auch ein Blick in die Ewigkeit.
Mr et Mme C. Flammarion:
Auch ein Blick in die Ewigkeit.

Wenn Fidus Flammarions Holzstich tatsächlich zitiert hat, würde das durchaus Sinn machen angesichts der übrigen formalen und inhaltlichen Bezüge der Serie für die Günther Wagner zum Mittelalter beziehunghsweise zu mittelalterlicher Kunst. Allerdings stellt sich die Frage, ob Fidus die Darstelluing gekannt hat beziehungsweise überhaupt gekannt haben kann.

Denn bei Flammarions Holzstich handelt es sich nicht, wie lange Zeit angenommen worden ist, um ein Werk des Mittelalters, sondern eine Illustration aus dem 19. Jahhundert zur Veranschaulichung der angeblichen Vorstellung im Mittelalter von Himmel und Erde. Der französische Astronom Camille Flammarion liess ihn von einem unbekannten Stecher anfertigen und veröffentlichte ihn 1888 in seinem Werk L' atmosphère. Météorologie populaire. Im deutschen Sprachraum wurde der Holzstich wahrscheinlich das erste Mal in dem weitverbreiteten, 1903 erstmals aufgelegten Werk Weltall und Menschheit veröffentlicht. Als Quelle der Illustration zum Beitrag Die Erforschung des Weltalls von Wilhelm Foerster, dem bekannten Direktor der Königlichen Sternwarte in Berlin, wurde als Quelle zwar Flammarion genannt, als Titel aber fälschlicherweise Astronomie statt L' atmosphère angegeben.

Es ist also durchaus denkbar, dass Fidus den Holzstich gekannt hat. Vielleicht aber auch über einen anderen Weg: Flammarion war Mitbegründer und Mitglied der französischen Theosophischen Gesellschaft. Seine Bücher, zu denen neben zahlreichen populär-wissenschaftliche Anhandlungen auch phantastische Romane gehören, waren möglicherweise auch in theosophischen Kreisen in Deutschland vorhanden. Allerdings hatte Flammarions Holzstich damals wohl kaum die grosse Popularität, die er heute nach wie vor hat.

  1. Einen Einstieg in die Problematik bietet etwa der Wikipedia-Eintrag Mechanistisches Weltbild.
  2. Jugenderinnerungen eines alten Mannes, Leipzig 1959. S. 119-122. Online: Die Preußen und die beiden Ateliers.
  3. Bruno Weber: "Ubi caelum terrae se coniungit. Ein altertümlicher Aufriß des Weltgebäudes", in: Gutenberg-Jahrbuch 1973, S. 381-408. Zur Darstellung auch Flammarions Holzstich in der deutschen Wikipedia.
  4. Hanno Kremer (Hrsg.), Weltall und Menschheit. Geschichte der Natur und der Verwertung der Naturkräfte im Dienste der Völker. Dritter Band, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart. S. 45.
  5. Zu Flammarion etwa der Eintrag Camille Flammarion in der deutschen Wikipedia.
  6. Mit der Problematik von Flammarions Holzstich beschäftigen sich auch die im folgenden aufgeführten Aufsätze. Wolfgang Bickel, "Das kanonische Bild" - ein problematischer Gegenstand, in: Praxis Geschichte, Heft 5, 1998. S. 56-58. Online: "Das kanonische Bild" - ein problematischer Gegenstand. Georg Peez, "Ausblick und Einsicht. Zur Verbildlichung von Selbstbildung auf einem vermeintlich mittelalterlichen Holzschnitt", in: Hessische Blätter für Volksbildung, Heft 4. 2002. S. 324-330. Online: Ausblick und Einsicht. Georg Peez, "Zum Beispiel: Anonymer und undatierter Holzschnitt. Zur Verbildlichung einer "kreativen Grenzerfahrung", in: Kunst + Unterricht, Heft 261, 2002. S. 54-56, Online: Zum Beispiel: Anonymer und undatierter Holzschnitt. Clemens Albrecht, "Wörter lügen manchmal, Bilder immer. Wissenschaft nach der Wende zum Bild", in: Wolf-Andreas Liebert, Thomas Metten (Hg.), Mit Bildern lügen, Köln 2007. S. 29-49. Online: Wörter lügen manchmal, Bilder immer.

Letzte Bearbeitung: 21. Januar 2018.