Crumb vs. Fidus

Robert Crumb: Selbstporträt.
Robert Crumb: Selbstporträt.
Luzifer Morgenstern, 1894
Luzifer Morgenstern, 1894.

Es mag sein, dass Parallen zwischen dem amerikanischen Comic-Zeichner Robert Crumb und Fidus zu erkennen, eine Folge der Beschäftigung mit Fidus über einen längeren Zeitraum ist. Denn diese verführt immer wieder dazu, seine Beispielhaftigkeit im Zusammenhang mit den verschiedensten Themen feststellen und entsprechende Bezüge finden zu wollen.

Die Nähe von Fidus und Crumb scheint sich vielleicht auch deshalb zu ergeben, weil beide eine Zeitlang gewissermassen buchstäblich Seite an Seite veröffentlicht wurden. Sowohl die Vorlagen von Fidus wie auch Crumbs Zeichnungen wurden in den 1960er und 1970er Jahren regelmässig in alternativen Zeitschriften (wieder-)verwendet. Dies wohl besonders auch deshalb, weil sich die Arbeiten der beiden gut auch für den anspruchslosen Druck oder Fotokopien eignen. Was immerhin bereits eine durchaus interessante Gemeinsamkeit wäre...

Was auf den ersten Blick inhaltlich einander völlig entgegengesetzt zu sein scheint, nämlich der pathetische Hang zu Idealität, Ursprünglichkeit und Reinheit bei Fidus, bei Crumb dagegen das irrwitzige Universum eines etwa mit Drogen veränderten Bewusstseins, kann aus einer historischer Perspektive betrachtet, als eng miteinander verwandt gesehen werden. Das eine ist die Vorbereitung oder Voraussetzung für das andere. Utopie einerseits und gelebter Underground andererseits gehören untrennbar zusammen. Was Fidus als Lebensweise mit heiligem Ernst entworfen und zelebriert hat, wird bei Crumb selbstironisch zur Karikatur von Klischees.

Robert Crumb und Fidus schufen beide Figuren oder Typen, die in ihrem Werk immer wieder als Protagonisten und Protagonistinnen ihrer Bilder auftreten, Szenen einer in sich geschlossenen Bilderwelt. Diese kann bei beiden als Sub- oder Gegenkultur verstanden werden und damit in beiden Fällen als Gesellschafts- beziehungsweise Zivilisationskritik, die allerdings ebenso harmlos wie liebenswert bleibt. Präsentiert Fidus hoffnungsfrohe Helden und Heldinnen der Zukunft, lässt Crumb Antihelden und Antiheldinnen der Gegenwart Revue passieren. Zeigt Fidus mit seinen nackten Männern und Frauen, die sich mit wehenden Haaren der Sonne entgegenrecken, Vorfahren oder Vor-Vorfahren der Hippies, tritt bei Crumb Mr. Natural etwa wie ein sich in die Gegenwart verirrter Lebensreformer längst vergangener Zeiten auf.

I'm no dum dum!, 1981.
"I'm no dum dum!", 1981.
Aquarell-Malerei, 1904.
Aquarell-Malerei, 1904.

Beide, Crumb und Fidus, beschäftigen sich mit einer Art Spiritualität als Ersatz für Religion und Verheissung in einer Welt, in der Gott tot ist. Monismus und Theosophie als Bezugspunkte für Fidus unterscheiden sich unter diesem Gesichtspunkt wenig von den Experimenten mit bewusstseinserweitenden Substanzen und ihrer Kultivierung zum Lifestyle seit den 1960er Jahren. Immer geht es um den Widerspruch oder die Spannung zwischen Individualität und Gesellschaft oder sogar Masse, zwischen eigener körperlicher Erfahrung und damit sexuellen Bedürfnissen und Wünschen und der Frage nach einer anderen Wirklichkeit.

Mutter Nacht, 1908.
Cute Little Genius, 1990.
Mutter Nacht, 1908.
Mutter Nacht, 1908.

Es ist möglich, dass die mitunter erstaunliche motivische und gestalterische Nähe von Crumb und Fidus eher zufällig ist oder mit äusseren Bedingungen und der Funktion ihrer Arbeiten zusammenhäng. Etwa, wenn beide die Rahmung des Bildes zum Teil des Bildes machen und dabei die Schriftgestaltung miteinbeziehen. Was sie auf jeden Fall miteinander verbindet, ist, dass sie beide hervorragende Zeichner sind, wobei beide auf die Linie als das wesentliche gestalterische Element besonderen Wert legen.

Letzte Bearbeitung: 21. Januar 2018.