Sonnenwanderer


Aus: Lebenszeichen, 1908.

Das Motiv "Sonnenwanderer" ist ein exemplarisches Beispiel dafür, wie Fidus ein Motiv über Jahre variierte und weiterentwickelte, in verschiedenen Techniken und verschiedenen Formaten ausführte und den unterschiedlichsten Anforderungen und Aufgaben anpasst.

Die erste Formulierung der Bildidee dürfte eine Vignette für die Lyriksammlung Sonnenblumen des Dichters, Herausgebers und Verlegers Karl Henckell sein. Sie bildete das "Schlussstück" des Blatts, das dem Schriftsteller Emanuel von Bodmann gewidmet ist.

1903 gestaltete Fidus die Sonnenwanderer als grosse Glasbild für die Veranda des Grappenhofs in Amden. Bezeichnend für das Fenster sei, bemerkte er, dass es eigentlich nie gesehen worden sei, denn Josua Klein habe es gleich nach seiner Einsetzung zuhängen lassen, aus Angst, es könnte wegen der nackten Figuren von entrüsteten Bauern mit Steinen eingeworfen werden.


Der Grappenhof in Amden auf einer Postkarte aus dem Jahre 1904.

Auf der Postkarte lässt sich das Glasbild oder ein Entwurf dafür erahnen.

1908 verwendete er das Motiv, ergänzt mit zwei Kindern, als Schlussblatt der populären Mappe Lebenszeichen, 1909 für ein Exlibris für Alexander Erdmann-Jesnitzer.

Den Titel Lichtgebet habe er aus dem Gedicht Mein Stern des befreundeten Dichters Franz Evers "entwendet", verrät Fidus. Auch den Titel Sonnenwanderer hat er möglicherweise einem literarischen Werk entlehnt, das zudem in demselben Umfeld, dem "Friedrichshagener Dichterkreis", entstanden ist: Carl Hauptmann erste Prosaarbeit Sonnenwanderer erschien erstmals 1891 in der Literaturzeitschrift Freie Bühne für modernes Leben und war fünf Jahre später der Titel seines ersten Prosabands, der die Novelle sowie acht weitere Texte enthält. ((Online: Sonnenwanderer.))

In der kurzen Erzählung einer jungen Frau, die aus der Stadt in die Freiheit der Berge flieht, wo sie zusammen mit einem Verehrer, der ihr nachgereist war, einige glückliche Tage verbringt, hat Hauptmann seine Begegnung mit Josepha Krzyzanowska verarbeitet. [3] Hauptmann hatte die polnische Studentin im Sommer 1889 bei einem Abendseminar im Hause des Philosophen Richard Avenarius in Zürich kennengelernt. Nachdem sie fluchtartig Zürich verlassen hatte, folgte Hauptmann ihr nach Andermatt.

Hauptmann und Fidus verbindet somit ein ähnliches „Schicksal“ bei der Entstehung ihrer Werke: Hauptmann war seit fünf Jahren verheiratet, als er Josepha Krzyzanowska kennenlernte, Fidus war es seit drei Jahren, als sich in Amden die Bekanntschaft mit Maria Lucke zu einer Liebschaft entwickelte. Mit der Szenerie der Sonnenwanderer, Bergen, einem tosenden Bach und dem See, könnte Hauptmann genauso gut wie die Innerschweiz den Walensee und seine Landschaft geschildert haben. Die Sonnenwanderer von Fidus wiederum könnten eine Illustration zur Erzählung sein, wie sich Teile der Erzählung als Bildbeschreibung oder -auslegung lesen lassen. So schreibt Hauptmann etwa: Sie schritten langsam – die Augen weit geöffnet – und helles Rot in ihren Gesichtern. – Wolken zogen am Himmel hin und legten Schatten ins Thal und auf ihren Weg. Dann wieder schien die Sonne in klarem Lichte. – Was sie umgab und was sie dachten, floß uferlos in einander und gleichsam aufgehoben schweiften sie darin. – Sie schritten aufwärts. – Die Wolken senkten sich und zogen müde und gelöst um die Berge und hingen in den Kronen der Nadelbäume. Drunten im Thal schienen die Wasser noch lauter zu toben. – Aber sie hafteten nirgends. – Sie sprachen nicht. – Es war ihnen frei. – Es kam über sie wie ein uversagbarer Hang – und sie legte ihre Hand in die seine, und leise errötend gingen sie rascher vorwärts in die Höhen – in die Fernen. – Oder: Und sie fühlten beide, wie Großes sie ersehnten. – Und sie schritten emsiger, zwei Wanderer in’s unbekannte Land, in’s Unbekannte, Ferne. – Und wie sie so strebten, schüchtern und sieghaft, sprach sie: „Der Mensch liebt im Menschen nur den Gott.“ – Die Sonne hob die Schatten vom Thal und ergoß von neuem ihr Licht in alle Schluchten. – Und sie wanderten unaufhörlich. – Sich eins fühlend und ganz erleuchtet im andern ohne Worte, kosten sie sich durch räumliche Fernen mit ihren Gedanken – und wollten nicht müde werden. – Sie dehnten die Stunde des Wahnes, „Unmögliches zu begehren“. – Die heiligste Stunde. – Fidus schreibt in den Kleinen Lebenserinnerungen, dass Josua Klein seine Sonnenwanderer für ein grosses Mittelglas der Veranda des Grappenhofs auf einer 5 m grossen Scheibe in Weiss ätzen liess, bezeichnenderweise „wie Konditortürscheiben“. [4] Das Glasbild, schreibt Fidus weiter, sei eigentlich nie zu sehen gewesen, da es Klein gleich nach seiner Einsetzung mit einer Leinwand verhängen liess: Er befürchtete, dass die Dorfbewohner, entrüstet über die Nacktheit des Paares, es mit Steinen einwerfen könnten. Eine Postkarte aus der Zeit zeigt bei genauerem Hinschauen Erstaunliches und lässt Raum für Spekulationen. Dokumentieren die schemenhaften Figuren einen Entwurf oder das Glasbild selbst, das vielleicht bei besonderen Gelegenheiten doch zu sehen war oder aus Anlass der Aufnahme vorübergehend enthüllt wurde? Grappenhof in Amden. Auch wenn die Sonnenwanderer ein Ehe- oder Familienbild sein sollten, ist es von persönlichen Merkmalen abstrahiert und durch die Verwendung von Rückenfiguren anonymisiert. Mit der Verallgemeinerung einher geht der ikonographische Bezug zu Adam und Eva als erstes Menschenpaar und Stammeltern aller Menschen. Dies legt ein Vergleich der Komposition und der Körperhaltungen mit Albrecht Dürers Doppelbild im Prado und Kupferstich Adam und Eva nahe. Den christlichen Kontext hat Fidus dabei "umgedeutet", den Apfel, die Frucht der Erkenntnis, durch die Sonne, etwa als Sinnibld für das Licht der Wahrheit, ersetzt, wobei er auch die Figuren im buchstäblichen Sinn "umgedreht" hat. Die Fassung in der Casa Anatta würde so gesehen Adam und Eva vor, das Blatt der Lebenszeichen nach dem Sündenfall zeigen. Wobei auch der Sündenfall umgewertet oder zumindest aufgehoben, jedenfalls alles andere als ein solcher wäre. [caption id="attachment_808" align="alignnone" width="220" caption="Lebenszeichen."][/caption]

[caption id="attachment_809" align="alignnone" width="70" caption="Adam."][/caption] [caption id="attachment_810" align="alignnone" width="69" caption="Eva."][/caption]

[caption id="attachment_811" align="alignnone" width="140" caption="Adam und Eva."][/caption] Anleihen bei Jan van Eyck [caption id="attachment_904" align="alignnone" width="131" caption="Van Eyck."][/caption] [caption id="attachment_905" align="alignnone" width="179" caption="Detail Arnolfini-Hochzeit."][/caption]

[caption id="attachment_808" align="alignnone" width="220" caption="Lebenszeichen."][/caption] Dass Fidus seine Sonnenwanderer mit Adam und Eva in Beziehung gesetzt hat, ist zwar durchaus denkbar und scheint allein schon durch die Nacktheit des Paares plausibel. Dabei habe ich aber die viel offensichtlichere Inspiration durch die Arnolfini-Hochzeit von Jan van Eyck aus dem Jahre 1494 übersehen... ((Zur Interpretation der Arnolfini-Hochzeit beispielsweise der Eintrag Arnolfini-Hochzeit in der deutschsprachigen Wikipedia.)) Sowohl Inhaltlich wie auch formal scheint Fidus auf das bekannte Gemälde anzuspielen: Die Komposition mit dem (halb-)kugel- oder kreisförmigen Objekt zwischen den Figuren scheint direkt van Eyck entlehnt zu sein. Darüber hinaus zeigt der Spiegel in der Arnolfini-Hochzeit das Paar als Rückenfiguren wie in der Komposition von Fidus. Der Vergleich würde allerdings wohl zu sehr strapaziert, wenn interpretiert würde, dass sich die zur Sonne gekehrten Sonnenwanderer gewissermassen in der Sonne "spiegeln" und dem Bildbetrachter oder der Bildbetrachterin entgegenstrahlen. Spiegel-Bilder

Van Eyck: Arnolfini-Hochzeit.

Fidus: Am Traualtare.

  1. Die Sonnenblumen erschienen von 1895 bis 1899. Jährlich erschienen 24 Bätter, die jeweils dem Schaffen eines Dichters oder einer Dichterin gewidmet waren. Fidus entwarf für die Publikation das Titelblatt und die Kopfleiste mit dem Titel der Anthologie, die jedes Blatt schmückte, zudem steuerte er ab 1896 Schlussvignetten und Kopfleisten sowie Rahmen zu einigen Porträtbildern bei. Ausserdem zeichnete er ein Plakat für die Sonnenblumen.
  2. Eine weitere Fidus-Illustration zu einem Gedicht von Bodman erschien im gleichen Jahr in der Zeitschrift Simplicissimus. Bodman war damals regelmässig mit Beiträgen vertreten.
  3. Gestützt wird die Vermutung, dass sich Fidus bei den Sonnenwanderern auf die Arnolfini-Hochzeit von Jan van Eyck bezug nimmt, gewissermassen „spiegelt“, durch das Blatt Am Traualtare aus der Mappe Lebenszeichen. 1 Das Paar wird hier frontal gezeigt (während der Mann und die Frau der Arnolfini-Hochzeit sich einander leicht zuwenden), wobei Mann und Frau "vertausch" oder "gespiegelt" wiedergegeben werden. 2 1 Mitte August 1895 meldete die Neue Zürcher Zeitung (14. August 1895) “ein neues originelles litterarisches Unternehmen größeren Stils, das Herr Karl Henckell im Verein mit mehreren Kapitalisten und einer weltbekannten Firma auf kommenden Herbst ins Werk setzt”. Um wen es ich bei den Kapitalisten von Karl Henckell & Co., Verlag der Fliegenden Schriften, handelt, war drei Monate später dem Schweizerischen Handelsamtsblatt zu entnehmen (13. Jahrg., 11. November 1895, Nr. 276, S.1147). Es waren dies Karl Henckells älterer Bruder Gustav, Gustav Maier und Walter Laué, der sich mit dem grössten Betrag von 4000 Franken beteiligte. Zum Vergleich: 1886 wurden für die Gründung der Konservenfabrik in Lenzburg (später Hero), an der Gustav Henckell massgebend beteiligt war, 40 000 Franken aufgewendet. Erberhard Berger, „Erkundungen zu Carl Hauptmanns Sonnenwanderer“, in: Orbis Linguarum, Vol. 15, 2000, S. 5. Fidus schreibt, der Entwurf sei ¼ so gross wie die Glasscheibe gewesen, er hätte ihn behalten, später, in goldgelb und mossgrün getönt, manchmal ausgestellt und das Motiv in Abwandlungen verwendet. Bei der in der Casa Anatta ausgestellten Zeichnung dürfte es sich somit wohl nicht um den von Fidus erwähnten Entwurf handeln. Mit einem Zitat aus Friedrich Nietzsches Zarathustra ist die Federzeichnung bereits 1906 in der Zeitschrift Jugend erschienen Dabei verhält es sich mit dem Wort EHE auf dem Altar wie mit dem Wort CHOICE auf dem Päckchen „Camel“-Zigaretten auf Salvador Dalis Bild Sonnentisch aus dem Jahre 1936: Auf den Kopf gestelllt bleibt es auch im Spiegelbild lesbar.

    Letzte Bearbeitung: 28. Dezember 2017.