Ein Schwärmer

Man erzählt mir, daß Josua Klein aus Amden am Walensee in Wien gewesen sei, um dort unter Okkultisten und Theosophen für seine Lehre und seine Pläne zu werben. Ich weiß nichts weiter als diese nackte Tatsache. Es ist mir unbekannt, wie Herr Josua Klein in Wien aufgenommen worden ist, ob er in der engeren Gemeinde seiner Empfindungsgenossen Erfolg gehabt hat, ob sich die Oefftntlichkeit um ihn gekümmert hat, ob man ihn verlacht oder bedauert oder beargwöhnt hat. Wohl aber ist mir Mancherlei über Leben, Taten und Meinungen dieses Herrn Josua Klein mitgeteilt worden, und die sonderbare Gestalt verdient es reichlich, daß auch weiteren Kreisen über sie berichtet wird. Man wird einen der merkwürdigsten Menschen kennen lernen, einen Mann, von dem rätselhafte Enflüsse auf hochgespannte und empfängliche Gemüter ausgehen, unerhört starke Wirkungen, unter denen heute noch nicht wenige stehen, während andere sich erst nach erschütternden Seelenkämpfen von ihnen hatten befreien können.

Vor ungefähr zwei Jahren tauchte Josua Klein hier auf, und schnell gelang es ihm, in okkultistisch-theosophischen Zirkeln Aufmerksamkeit zu erregen. Er war einer von den Ihrigen, aber er schien weit mehr zu sein, ein Vekünder und ein Vollbringer, ein rätselhaftes Gefäß starker Kräfte. Josua Klein kam und ging, suchte Verbindungen auch in anderen deutschen Städten, auch in Paris, kam wieder und zwang edle und feine Menschen in seinen Bann, Männer und Frauen, in denen ein wunderbar gesteigerter Drang nach verklärter Geistigkeit lebendig ist, in denen ein traumhaft seliges Gefühl für die höchste Weihe geläuterter Menschlichkeit waltet. Daneben drängten sich ihm neugierige Zweifler zu, die von ihren Zweifeln doch erlöst zu werden suchten, auch ehrliche Fanatiker, die alle Wunderlichkeiten einer verirrten, aus religiösen und naturphilosophischen Elementen zusammengestückten Lehre gläubig mitmachen, endlich fehlten nicht die skrupellosen Parasiten, die von einem dargebotenen möglichen Vorteil schnell profitieren möchten. Josua Klein hatte verheißen, eine neue Gemeinschaft zu gründen, in der alles Edelste und Erhabenste, was die Sehnsucht nur irgend sich vorstellen mag, in idealen Formen verwirklicht werden sollte. Das Reich der fleckenlosen Geistigkeit auf Erden, das war das Ziel. Alles Verworrene und Kranke, woran unsere Zeit leidet, in diesem Sanatorium der Geistigkeit sollte es geschlichtet und gesund gemacht werden. Die guten und die großen Menschen, die in den Niederungen dieses harten Lebens schmachten müssen, aber deren verzücktes Verlangen nach Reinheit, Klarheit und Wahrheit einer gesteigerten Lebensbetätigung gleichsam sehnsüchtige Arme nach oben streckt, diese sanften, edlen und feinen Seelen sollten in dem Asyl, das Josua Klein zu gründen gedachte, wie in einer Burg auf himmlischen Höhen heimisch werden können. Das war das Ziel, dem der Schwärmer nachstrebte, und die Geheimlehre der Theosophen mischte sich wie ein Opiat des Gemütes in die lockende Phantasterei hinein, durchdrang sie ganz und hob alle diese Seltsamkeiten aus dem Bereiche der uns allen geläufigen Realitäten in eine mystische Entferntheit, zu der nur diejenigen den Zugang fanden, die gläubig und feierlich genug gestimmt waren.

Als ich zuerst von Josua Klein hörte, war seine Gründung schon verwirklicht, so weit das eben überhaupt denkbar sein kann. Der äußerliche Rahmen wenigstens (und mehr war ja niemals ernstlich zu erwarten) war hergestellt worden. Es fand sich ein begeisterter Mann, der in den okkultistischen Philosophemen lebt und webt, und der nebenbei so reich begütert ist, daß er unter der Spannung zwischen seiner Sehnsucht und dem Versuche ihrer Erfüllung nicht zu leiden braucht. Dieser edelgesinnte Mann gab rund vierhunderttausend Mark dafür her, daß Josua Klein, an den er brünstig noch immer glaubt, seine Träume in Leben umsetze. Als Josua Klein seine Werbungen in Deutschland begann, versicherte er freilich, daß ihm drei Millionen - später wurden es dreißig Millionen - zur Verfügung ständen. Aber, wie er es nachher einschränkend präzisierte, er hatte diese Summen nur "okkultistisch erschaut"; er besaß sie nicht, doch wußte er, kraft der Eingebung seines Geistes, daß er sie einmal besitzen werde, und so mochte er jene vierhunderttausend Mark wie eine ihm von Gottes und Geistes wegen zukommende Abschlagszahlung ohne sonderliche Erregheit eines dankenden Gemütes hingenommen haben. Mit dem Gelde ging Herr Josua Klein nach der Schweiz, kaufte den Grapenhof bei Amden, hoch über dem Walensee, von wo der Blick tief in die göttlich schöne Bergwelt dringen kann, kaufte den erstaunten Bauern des Ortes Gehöft auf Gehöft ab und sammelte um sich eine bunte Gesellschaft von Schwärmern und Schwärmerinnen, von willig gläubigen und von derberen Naturen, denen die Skepsis im lauernden Blicke saß. Daß Josua Klein gerade auf Amden verfiel, geschah durch den ehemaligen Hauptmann Nopper in Ulm, einen hingebenden Anhänger des Okkultismus, einen heißen Ersehner vergöttlichten Menschentums, einen Mann von schwärmerischer Reinheit des Willens und Wesens, einen Marin, dessen rührend staunenswürdige Besonderheit umso staunenswerter ist, wenn man sich vorstellt, was das heißen will, mit solcher abseitigen Gefühlswelt jahrzehntelang aktiver Offizier gewesen zu sein. Eines Tages aber hielt es der Hauptmann Nopper eben nicht niehr aus, dem Kriegshandwerke zu dienen, und er siedelte sich auf einem einsamen Hofe bei Amden an, gefolgt von seiner Frau undd seinen fünf Kindern. In einem Orte am Bodensee hatten er und Josua Klein sich in einer spiritistischen Gesellschaft kennen gelernt, und als sich Josua Klein nach der Stätte umsah, wo er sein Unternehmen begründden konnte, bot es sich von selbst so, daß er der Einladung des Hauptmannes Nopper nach Amden folgte.

Hier also sollte die idealste aller menschlichen Gemeinschaften Wirklichkeit werden. Seltsame Dinge bekam man bald genug zu hören. Als wiedergekehrten Christus ließ sich Josua Klein betrachten, als den Retter aus unendlichen Nöten des Leibes und der Seele, als den Helfer, der diejenigen, die ihm vertrauen wollten, über den sicher bevorstehenden Weltuntergang hinaus in eine höhere Sphäre des Daseins hinwegtragen werde. Wie kam der Mann zu solchen Veheißungen? Welches war sein Ursprung? Welches sein Lebensgang? Merkwürdiges genug wußten und wissen seine Anhanger von ihm zu erzählen. Er ist der Sohn eines Tiroler Grundbesitzers. Vor etwa vierzig Jahren las Klein, der Vater, in einer Zeitschrift ein religiöses Gedicht, das ihn so tief ergriff, daß er dem nicht genannten Verfasser nachforschte. Er erfuhr, daß das Gedicht von einem Fräulein v. Manuel geschrieben worden sei, und er beschloß sofort, dies Fräulein zu heiraten. Das Paar übersiedelte in ein bei Meran gelegenes Besitztum und lebte hier in völliger Einsamkeit. Vier Kinder wurden geboren, Josua, Gottfried Emanuel und dann zwei Mädchen. Der alte Klein hatte sich ein höchst individuelles Erziehungssystem zurecht gelegt. Die Kinder wuchsen in absoluter Abgeschiedenheit von der Welt auf, kamen niemals über die Mauern des Gutsgartens hinaus, lernten niemals andere .Kinder oder gar Erwachsene kennen, ausgenommen ihre ins Haus gezogenen Lehrer und Lehrinnen. Mit religiösen Uebungen wurden ihre Seelen geschmeidig gemacht, mit harten Körperstrafen ihre Leiber. Ein einziges Mal sollte dem unbändigen Drange der Kinder, hinauszukommen, auf Bitten der Mutter nachgegeben werden. Schon war die kleine Expedition in einen Nachbarort ausgerüstet, als der Vater den jubelnden Kindern zurief: "Ihr bleibt hier," und die Kleinen mußten sich fügen. Als aber die Brüder das fünfzehnte Jahr übersschritten hatten, schickte sie der Vater in die Welt hinaus. Jetzt waren sie nach seiner Meinung für den Kampf ums Leben gefestigt, jetzt sollten sie zusehen, wie sie selber fertig würden. Im Rausche der plötzlich geschenkten Freiheit, zu deren Gebrauche doch nichts sie vorbereitet hatte, gingen die jungen Menschen nach Paris, weiter sodann in die Welt, bis nach Amerika. Was sie da alles trieben, wie sie sich behaupteten, wenn sie es taten, darüber ist nichts im Einzelnen bekannt geworden. Nur das wußte die Amdener Gemeinde, was Josua Klein von sich selber in halben Andeutungen und dann wieder in breiter Ausmalung von sich erzählte. Er war in Amerika ungefähr alles gewesen, was man in diesem Lande der bereiiwillig romanhaften Erfindungsgabe sein kann, Straßenkehrer, Bankdirektor, Porträlmaler und noch einiges. Er war früh in okkultistische Geselligkeit geraten, und die rechten Gaben waren ihm schon darum geworden, weil er durch göttliche Bestilmnung zur Erneuerung der Chrislusgestalt auf Erden ausersehen war. Dies erzählte er, oder er ließ es erraten, wie denn auch alles, das in einer schwebenden Ungewißheit blieb, was er von dem Leben seiner Eltern und von der seltsamen Erziehung im Elternhause, ferner von dem festen Glauben seiner Familie verkündete, daß sie einstmals der Welt den neuen Christus geben werde. Seine Eigenschaft als Maler hatte er einmal durch okkultistische Eingebung erkannt, und er behauptete von seinen Bildern, daß sie vielleicht technisch unvollkommen, als Abschilderungen des Seelenausdruckes aber meisterhaft seien. Als Bankdirekior irgendwo im Süden der Vereinigten Staaten hatte er das Glück, eine geheime telegraphische Verbindung mit einer der ersten New-Yorker Banken herstellen zu können, so daß ihm auf einem für alle Mitbewerber rätselhaften Wege stets die ersten und wichtigsten Nachrichten zugingen und er binnen kurzem Millionen erwerben konnte. Offenbar freilick waren es nur die Millionen, die er okkultistisch erschaut hatte. Indessen sie lebten in seiner Phantasie, und das konnle zunächst genügen, zumal der reiche deutsche Gönner eine so bedeuntende Summe zur Gründung der idealen Kolonie bei Amden hergegeben hatte.

Was geschah nun, was geschieht noch auf dem Grapenhof? (Denn die Gemeinschaft ist keineswegs schon aufgelöst, sie hat sich verkleinert, aber die Getreuesten der Getreuen halten fest zu ihrem Apostel.) Es ist nicht ganz leicht, zu sagen, was da geschieht. Dagegen weiß man, daß sich von den phantastischen Versprechungen, mit denen die Sache ins Leben trat, nichts erfüllt hat. In den ausgekauften Bauernhäusern wohnen die Anhänger Kleins, der übrigens mit einer Amerikanerin verheiratet ist und zwei junge Söhne hat. Die Frau, ein bescheidenes, sanftes Wesen, glaubt an ihren Mann imd müht sich hart um die nicht leichte Wirtschaftsführung. Josua Klein versammelt täglich seine Getreuen zu gemeinschafichen Mahlzeiten, bei denen und nach denen er spricht. Unaufhörlich spricht er und seltsam ist die Wirkirng. Er kündigt den Weltuntergang an, vielmehr er hatte ihn schon für den April dieses Jahres angekündigt. Aber daß das Ereignis ausblieb, bedeutet nichts weiter, wird nicht sonderlich vermerkt, wird von den Gläubigen jedenfalls nicht gegen den Propheten ausgespielt. Josua Klein versteht es, durch endlose Ineinanderwirrung unendlich verschiedener Dinge, Behauptungen, Verheißungen, Verdrehtheiten und auch Klarheiten eine betäubende Suggestionskraft auszuüben; er überwältigt die Hörer durch die Eigentümlichkeit seines Wesens derartig, daß es entweder einen furchtbaren Zwang erfordert, sich von ihm loszureißen, oder daß alle Zweifel ohnmächtig hinweggeschiveinmt werden vor dieser förmlich auf aufsaugenden, auflösenden Persönlichkeit. Er ist ganz gewiß kein Schwindler, er glaubt ganz gewiß an sich und seine Mission, er ist ein Schwärmer, und dies will sagen, daß er nicht ohne Wahrhaftigkeit sein kann, wenn auch die kluge Berechnung zweifellos nicht fehlt. Seine hypnotisierende Gabe hat sich wiederholt erwiesen. Es kommt vor, daß Personen, die er während seiner Ansprache fixiert, in schlafähnliche Zustände vollkommener Willenlosigkeit verfallen. Verzückt gehen die Menschen von ihm fort, und wenn man sie fragt, worüber sie so verzückt sind, so sagen sie, das lasse sich nicht ausdrücken, verstehen könne das keiner, fühlen müsse man es. Merkt Josua Klein, daß jemand sich seiner Macht entziehen will, so kann er äußerst rücksichtslos werden. Der Befehl, den Grapenhof zu verkästen, erfolgt prompt, und Widerspruch wird nicht geduldet. Einmal geschah es, daß ein vegetarisch lebendes Gemeindemitglied sich weigerte, vom vorgesetzten Fleisch zu essen. Darauf ordnete Josua Klein an: Wir werden jetzt das Abendmahl in Schinken einnehmen, und da die Weigerung trotzdem auftechrerhalten wurde, so bekam der Widerspenstige den herrischen Wink, sich für immer zu entfernen. Was eigentlich der letzte Kern der von Josua Klein gepredigten Lehre ist, bleibt dunkel. Gar so spiritualistisch, gar so jenseitig erhaben scheint er sich doch nicht zu fühlen, denn er sagt von sich (oder seine Dolmetscher sagen es nach seinen tiefsinnigen Verworrenheiten von ihm), daß er zwar der neuerstandene Christus sei, doch aber wieder ein anderer, denn er habe, weil vom Weibe geboren, auch den Satan in sich.

Das Land, das Josua Klein zusammengekauft hat, liegt brach, die Gemeinde hat gerade genug mit der so sozusagen konsumierenden Wirtschaftsführung zu tun. Es braucht nichts produziert zu werden, so lange die gespendeten Summen vorhalten, und wenn diese einmal verbraucht sein werden (der Augenblick scheint übrigens sehr nahe zu sein*), dann wird die Grapenhof-Phantasie ohnehin zu den gewesenen Dingen gehören. Ein Arzt und der ältere Sohn des Propbeten besorgen Pferd und Wagen, ein Postsekretär hat das Küchendepartement unter sich. Von den glänzenden Plänen, die Josua Klein im Anfange verkündet hatte, wird längst nicht mehr gesprochen. Ein Marmorteinpel sollte gebaut werden, eine Kultstätte des höchsten Gottesbegriffes, und an den Wänden dieses Tempels sollte sich die Gestaltungskraft eines begeisterten Künstlers erproben. Aber nichts geschah, wie es ja auch selbstverständlich ist, und weiterhin wird erst recht nichts geschehen. Das ganze Treiben macht heute, wo der Zusammenbruch vor der Tür steht, vollends den Eindruck ödester Zwecklosigkeit. Es ist kaum noch nötig, vor diesem sinnlosen Getue und Gehabe zu warnen, aber man fühlt sich dann wieder gleichwohl dazu gedrungen, wenn man sich erinnert, wie viel aus ausgezeichnete Menschen der Lockspeise des Hern Josua Klein gefolgt waren, während sie sich bei einiger Ueberlegung hätten sagen müssen, daß sie in die Irre geführt werden sollen. Immerhin, die erlebten Enttäuschungen sind ihnen vielleicht heilsam geworden. Sie haben vielleicht gelernt, daß es nur ein einziges rnögliches Reich der reinsten Geistigkeit gibt, jenes nämlich, daß der gute und große Mensch in seiner Brust sich aufbaut. Wer darüber hinaus in eine Geineinschaft eintritt, die schon durch ihr bloßes Dasein mit den herabziehenden Aeußerlichkeiten eines lässig-zwingenden Forwenwesens behaftet ist, der wird von seinem besten Selbst mehr ab abgeben, als ihm von den anderen zurückerstattet werden kann. Dies gilt auch dann, wenn alle Teilnehmer einer solchen Gemeinschaft von idealsten Absichten erfüllt sein könnten; um wie viel mehr muß es nicht von diesem bizarren Versuche zu Amden gelten, wo närrische Verstiegenheit, weltfremde Versunkenheit, Schwärmgeisterei und amerikanisch geschulte Schlauheit in tragikomischer Vermischung nur Unheil anstiften konnten!

Bei alledem ist man nicht sicher, ob Josua Klein wieder untertauchen wird. Ein Mann, der solche Macht über die Geinüter hat, wird dem Anreize zu ihrem Mißbrauch auch in Zukunft nicht widerstehen können.

* Vergleiche "N. Wr. T." vom 21. Dezember. Die Red.

Max Lesser, in: Neues Wiener Tagblatt, 38. Jahrg., 13. Dezember 1904,
Nr. 345, S. 1-3. Online: Neues Wiener Tagblatt.