Per aspera ad astra! (Ostdeutsche Rundschau)

Per aspera ad astra! Ein Lebensmärchen von Karl Wilhelm Diefenbach. (Wien. Kommissionsverlag von V. A. Heck.) Das prächtige Werk, welches in vor nehmer künstlerischer Ausstattung vor uns liegt und uns hohen Genuß bereitete, entstand — ursprünglich unter dem Titel "Kindermusik" — in jener Zeit (1888), da dem Schöpfer desselben seine Kinder Jahre lang entrissen waren. Der Schmerz über die Entreißung seiner'Kinder und über die Niedrigkeit, welcher dieselben ausgeliefert wurden, brachte ihn an die Grenze der Verzweiflung und warf ihn, der sich auch seither nur mit äußerster Ueberanstrengung aufrecht zu halten vermochte, auf das Leidens lager nieder, das er anderthalb Jahre nicht verlassen sollte. In dieser Zeit, nach seinen schon seit vielen Jahren vorgearbeiteten Entwürfen, nach seiner beständigen künst lerischen Leitung durch die Hand seines damaligen Schülers "Fidus" (Hugo Höppener) entstand dieses Werk — als Ausdruck seines Empfindens für die Kinderwelt im Allgemeinen, als Andeutung seiner Weltanschauung, seiner Kunstauffassung und seiner Lebensbethätigung. sowie als Andeutung seines "Schicksals". Es sollte ein Appell an alle feinfühlenden und gutdenkenden Menschen seiner Zeit sein und ihm seine Kinder wieder erringen! — Man machte ihm die Vollendung und die Veröffentlichung dieses Werkes damals unmöglich. Inzwischen führte ihm ein freundlicheres Geschick seine Kinder wieder zu. — Dies die Genesis des Werkes, das uns bei seinem Studium tief ergriffen hat. In Schattenbildern nur führt uns Diefenbach sein Lebensmärchen vor. Man thäte aber Unrecht, wollte man aus Geringschätzung für die allerdings untergeordnetere Kunst des Silhouettirens auf den künstlerischen Werth des in Rede stehenden Werkes schließen. Die Silhouette, die schon vor mehr denn einem Jahrhundert als armselige Kunstgattung galt — bekanntlich rührt der Name von dem französischen Finanzminister Etienne de Silhouette her, der sich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts durch seine Maßregeln so verhaßt machte, daß man ihn überall lächerlich zu machen suchte und namentlich alles ärmlich Aussehende "à la Silhouette" nannte, womit denn auch die Schattenbilder, die damals in Paris Mode waren, als armselig erscheinende Porträts bezeichnet wurden — mag heute durch die Vervollkommnung der bildenden Künste für eine noch armseligere Kunstgattung gehalten werden, wie damals, in "Per aspera ad astra" erhält sie aber die denkbar höchste künstlerische Weihe. Vielleicht verleiht gerade der Umstand, daß Schattenbilder nicht Alles, was der Künstler sagen will, auszudrücken vermögen und somit der künstlerisch schauenden und empfindenden Ahnung einen weiteren Spielraum gewähren, dem Werke den ihm innewohnenden Zauber, den bestrickenden Zauber naivster Ausdrucksweise, die eben deshalb so anspricht, weil sie die Phantasie des Beschauers zur Selbstthätigkeit anregt. Ein allegorisch-symbolischer Festzug von lieblichen Gestalten aus der Kinder- und der Thierwelt zieht an unserem Auge vorüber, uns ernst und heiter stimmend und uns eine Paradieseswelt eröffnend, über welcher jener Frieden, jene "selige Oede" webt, die nur ein frommes Gemüth nach sieghafter Selbstüberwindung in sich und um sich zu finden vermag, eine Paradieseswelt, die uns erkennen läßt, daß die wahre Religion allein in einer höheren Weihe des Lebens, in der Tugend werkthätiger Liebe besteht. Was die technische Ausführung des von künstlerischer, nie die Grenzen des Schönen überschreitender Phantasie zeugenden Werkes anbelangt, verdient es sonder Zweifel den berühmten Schattenbildern Paul Konewka's an die Seite gestellt zu werden. Möge Diefenbach's Lebensmärchen, dessen Drucklegung ihm erst in jüngerer Zeit, nach unsagbaren Kämpfen und Entbehrungen möglich geworden ist, in allen deutschen Familien Verbreitung finden. Eine solche anzubahnen, ist jetzt die schönste Gelegenheit. Das liebliche Osterfest steht vor der Thüre und Viele sind unschlüssig, was sie ihren Lieben und Theuren als Ostergeschenk geben sollen. Wohlan, "Per astera ad astra!" ist nach unserem Dafürhalten eines der sinnigsten und werthvollsten Ostergeschenke, so da auf dem derzeitigen Büchermärkte zu finden sind. —pp.

Ostdeutsche Rundschau (Wien), 5. Jahrg., 23. März 1894, Nr. 80, S. 5-6 (Online).