Maler Fidus über völkische und Charakterkräfte in seinen Kunstgestalten

Unter den Zuhörern im großen Saale des Curio-Haufes befanden sich viele jener Jungfrauen, die Schneckenfrisuren tragen, teils mit, teils ohne Stirnreif, die ferner Reformkleider als „edle Gewandung“ führen, insonsten aber sich von netten „reellen“ Mädchen wenig unterscheiden und ja auch Hamburgerinnen sind. Auch Jünglinge, sogar ältere, traf man dort, die recht ideal auszusehen, sich bemühten, aber nicht zu wissen schienen, wie gut bürgerlich, will sagen spießig eingereiht, in Wirklichkeit doch heute solch ein deutscher Schillerkragen witckt. Man könnte mir entgegnen: gehört denn das zum Vortrag des Malers Fidus?

Und doch, dem ist so: Es ist die Gemeinde, zu der er spricht, die ihn noch als modern empfindet, weil sie sich rühren läßt von den zarten, fraulich-feinen Ergebnissen seiner Zeichenkunst, die im Technischen, Buchgewerblichen sich erschöpft und im Ekstatisch-Zierlichen ihren Aufschwung und höchstes Maß findet. – Fidus ist, meines Wissens, der erste Maler, der es für erforderlich hält, seine Kunst, die eine reiche Verschnörkelung Dieffenbachscher Manier darstellt, durch eine laterna magica der Oeffentlichkeit vorführen zu lassen und selbst zu erklären. Welcher Maler braucht das? Einer, der sich nicht ganz verstanden fühlt, oder einer, der unsicher, oder einer, der eitel ist. Vor allem: ist seine Art deutsch? Und ist das deutsch? Die Fichtegesellschaft berief ihn zu ihrem zweiten öffentlichen Vortragsabend, also muß etwas sehr Deutsches an ihm sein. Gewiß: die idealistische Auffassung ist’s, das elfenhaft Mythologische seiner Gestalten, etwas Eigenbrödelei neben einer gewissen Einseitigkeit. Fidus Schaffen bringt blütenhafte Jungfrauen und Jünglinge hervor, während ihm bezeichnenderweise Männergestalten wie alles was reif und kraftvoll ist, nie oder selten gelingen. Seele, das ist’s, was er malen möchte, infolgedessen wäre Lyrik sein eigentliches Gebiet, und so bleiben die meisten seiner Zeichnungen nur blasse, zarte Gedichte an die Schönheit. Ist das genug? Dürfen wir von einem deutschen Maler nicht verlangen, daß er groß sei? – Es ist merkwürdig, Fidus malt so oft die Sonne selbst auf ein Bild, stilisiert zumeist, und doch wirkt alles wie im Mondlicht gesehen, schleierdünn, entkörpert. Fidus sprach dunkel davon, es sei seine Kunst, im Sinne aufsteigenden Lebens zu schaffen, Gestalten und Dinge zu geben, die es noch nicht sind, die es erst fein sollen. Er sprach davon, daß uns die Traditionen des deutschen Idealismus verlorengegangen seien, auch wetterte er gegen rein dekorative Künstler, die nur das Heim schmücken – und saß selbst im Glashause damit. Im ganzen wühlte der Vortrag keine Tiefen auf. Sein Abschweifen in die Rohkostlerei gehörte absolut nicht dazu. Es gelangen diesem Maler gewiß entzückende Sächelchen, Kinder, deren Jauchzen in niedlicher linearer Anmut sich kundgibt. Zum Besten erachte ich jedoch die wenig bekannten architektonischen Phantasien zu Prachtbauten, die kühn, von gotischem Geiste entflammt, sich leicht von der schweren Erde heben. Fidus betet die Linie an, nicht die Seele, das ist sein Reichtum, seine Armut.

Ludwig Beil, in: Neue Hamburger Zeitung, 22. Jahrg., 6. Oktober 1917, Nr. 510, S.
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