Eine aufschlussreiche Quelle zu Weesen und Amden kurz vor dem Aufenthalt von Fidus bescherte mir vor einiger Zeit eBay mit einer Reihe von Artikeln des Militärischen Oberpfarrers und Konsitorialrats Heinrich Wilhelm Rocholl aus Hannover über eine Schweizerreise im Sommer 1902. Seine Beschreibung der beiden Orte im Teil Vom Wallensee, der im Folgenden vollständig wiedergegeben ist, dokumentiert den touristischen Blick für das Fremde und Ansätze lebensreformerischen Denkens ebenso wie die Verwendung der damals offensichtlich gängingen Versatzstücke für die Beschreibung der Bergwelt, deren sich auch Carl Hauptmann bedient hat.

Vom Wallensee

Glarus, den 11. Juli 1902

In die Berge hinein, in das schöne Land! In der Berge dunkelschattige Wand! In die Alpen hinein, in die schwarze Schlucht, Wo der Waldbach toset in wilder Flucht. Hinauf zu den Matten warmduftigem Grün, wo alle die herrlichen Blumen blühn. Ja, man muß zum Wanderstabe greifen, den Rucksack auf den Rücken nehmen, und dann hinaus und hinauf in die herrliche Gebirgswelt steigen, wo die Wunder Gottes noch ebenso reich ausgebreitet liegen, wie am ersten Tag der Schöpfung. Mit Recht sagt Rosegger: "von Zeit zu Zeit sollte jeder Mensch ein Stück Jugend zurück begehren und aus seiner manchmal vielleicht recht behaglichen Sophaecke hervortreten auf die unebenen Fußpfade, wo der Jüngling einst gewandert, manchmal bei Hunger und Durst, aber mit wonniger Lust". Gestern las ich in einer Schweizer Zeitung, wie gesund das Bergsteigen ist, wie die stärkere Herzbewegung das Blut lebhafter durch die Adern treibt, und wie die erhöhte Lungenthätigkeit bis in die äußersten, sonst in der Atmung vernachlässigten Teile die kostbare Bergluft führt und die Nerven von Grund aus erneuert. Und welch ein Genuß für die Sinne; wie staunt der Städter, der endlich dem Getriebe der Großstadt entflohen, so manches an in einer der prosaischen Alltäglichkeit entrückten Welt, die wandernden Wolken in den Bergen, die Blumen im Gras, von allen Seiten her die Herdenglocken, die einfachen und doch zierlichen Schweizerhäuschen am Waldesrand, die Sennhütten auf den grünen Matten und dann vor allem die Gletscher und die firngekrönten Bergriesen. Ja das alles bietet einen großen Reiz auf allen Wanderungen durch die Alpenwelt, wozu auch manchmal ein tüchtiger, schier sündflutlicher Regenschauer oder die Flucht vor einem in seiner Freiheit unbändig gewordenen Bullen kommt.

Wer solche Genüsse und Abenteuer genießen will, dem rate ich, ein wunderschönes Plätzchen im Schweizerland aufzusuchen, es ist das kleine Städtlein Weesen am Wallensee. Es wird nicht von dem Strome des großen Fremdenverkehrs berührt; nur wenige Alpenfreunde kennen es umso besser, weil hier der Mensch sich ohne von Menschen behindert zu werden, ganz der Natur zu seiner Erholung und Erquickung hingeben kann. Der Blick, der sich auf den stillen, träumerisch zwischen gewaltige Felswände eingebetteten dunklen Wallensee aufthut, gehört zu dem Malerischsten und Reizvollsten, was es in der ganzen Schweiz zu sehen giebt. Der Ort selbst zieht sich ungemein freundlich am Fuß des Gebirges hin. Die Vegetation ist von seltener Fülle und Ueppigkeit; die Rebberge liefern einen feurigen Wein, die Gärten ein herrliches Tafelobst, Feigen und Kastanien gedeihen wie im Süden. Hier ist man sehr gut und sehr billig im Gasthaus aufgehoben; wir wohnen im Hotel Rößli, andere im Schwert, alle loben die artigen, entgegenkommenden Wirtsleute; ja hier ist gut wohnen. Wenn man des Abends unter den schönen, schattigen Bäumen am Wallensee sitzt und sein Auge über das blaue Wasser und an den schroffen, steil in den See abstürzenden Felsen zur Rechten zum Kerenzenberg mit dem schlanken, trotzig kühnen Mürtschenstocke, zur Linken zum scharf geschnittenen zackigen Leistenkamme schweifen läßt, dann versteht man, was ein Alpenfreund über den See sagt: "hier wohnt und waltet die Sage, das Märchen; die Poesie geht geht dichtend diese Ufer entlang und lächelt oder weint. Denn wie zu allen Tageszeiten die Farben der Oberfläche wechseln: blau, grün, dunkelgrün, grau bis zum ernsten Schwarz, so wechseln die Empfindungen von der hellen sonnigen Freude, welche dem Glanze, dem Dufte entblüht und welcher Hirt und Wanderer auf den Bergen jauchzend Ausdruck geben bis zu den Schauern der düstersten, dem Weltschwerz entkeimenden Melancholie."

Nun, diesem letzteren Geiste, der Schwermut, haben wir uns kaum hingegeben, vielmehr all die Touren fröhlichen Mutes gemacht, welche die Reisehandbücher angeben, und namentlich auch die Menschen, die Bewohner von Weesen und von den am See spärlich gelegenen Ortschaften betrachtet. Wir bedauern, daß das Evangelium, wie es Luther gelehrt, in dieses Ländchen nicht eingedrungen, obwohl es ja dem Kanton Zürich benachbart ist. Es hat stets zu St. Gallen gehört, und die römische Kirche hat verstanden, es als ihr Eigentum zu behalten und zu pflegen. Die Kirchen und Kapellen sind im Innern sehr schön im Jesuitenstil ausgestattet; in Weesen steht eine Kirche zur Wallfahrt für den heiligen Erasimus, der mir bis jetzt noch nicht vorgestellt war. Gleichwohl haben die katholischen Leute hier zu Lande ein seltsam offenes Wesen; sie sehen einen so treuherzig an und zeichnen sich durch große Gefälligkeit und Artigkeit aus. Dieselben sind eifrige Arbeiter nicht bloß auf dem Lande, sondern auch am Webstuhl. Handstickerei und Handweberei ist ihr Gewerbe. Oberhalb Weesens, etwa 939 m hoch, liegt ein großes Pfarrdorf Amden auf sonnigen Matten; dort kann man recht beobachten, wie man die feinsten Arbeiten für Weberei und Stickerei in den Häusern mit der Hand herrichtet. Der Norddeutsche hat große Schwierigkeit, die Sprache der Eingeborenen zu verstehen, wie denn auch diese aus dem Fragen nicht herauskommen, wenn sie sich mit den Fremden unterhalten; eigentümlich hört sich der Gruß an, den man auf der Straße wechselt: "grüßzi" d. h. ich grüße Sie, grüßi Gott!

Erschienen in: Kirchliche Wochenschrift für evangelische Christen, 1902, Sp. 557-558.