In den gnadenlosen Weiten des Internets lassen sich merwürdige Funde machen. Und das auch bei einem Blick zurück in eine Geschichte, die geschrieben zu sein scheint.

Bekannt ist, dass Fidus ein Bild Adolf Hitlers malte (möglicherweise auch nur zeichnete). Dabei handelt es sich nicht um ein Porträt, für das Hitler Modell gesessen hat, sondern um ein Idealporträt, also erfundenes Porträt: Der Führer mit Himmelfahrsblick, etwas theatralisch geballter Faust, vor einem Adler, der sich, als würde er seinem Kumpel anerkennend auf die Schulter klopfen, ins Hemd krallt. ((Zufälligerweise findet sich gerade heute in einem Beitrag der NZZ am Sonntag über die Liebesbeziehung zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger dessen Antwort 1933 auf die Frage Karl Jaspers, wie wohl "ein so ungebildeter Mensch wie Hitler Deutschland regieren" solle: "Bildung ist ganz gleichgültig. Sehen Sie nur seine wunderbaren Hände an!"))

Fidus, "Das Haupt des Führers". Fidus, "Das Haupt des Führers", 1941.

Der Kohledruck Das Haupt des Führers erschien im Herbst 1941 mit der Katalognummer 256 als letzte Veröffentlichung des Fidus-Verlags. Da Hitler, der gemäss seiner Adjutantur selbst dafür zuständig gewesen wäre, keine Genehmigung zur Verbreitung der Reproduktion erteilte, machte Fidus die "Empfänger des Fotos" darauf aufmerksam, "daß ich dasselbe nur persönlich sozusagen 'vertraulich' geben kann". ((Janos Frecot, Johann Friedrich Geist und Diethart Kerbs, Fidus. 1868-1948. Zur ästhetischen Praxis bürgerlicher Fluchtbewegungen, Hamburg 1997, S. 208.)) Und erklärte: "Ich kann diese bedingte Ablehnung dieses nur seine frühe Berufung zeigenden Sinnbildes für die heutige Zeit wohl verstehen." ((Ebda.)) Wobei unklar ist, ob das Porträt explizit abgelehnt worden ist oder die Anfrage von Fidus etwa aus Desinteresse unbeantwortet blieb. Das "Haupt des Führers" war damit jedenfalls ein Bild, das es gleichzeitig gewissermassen nicht gab oder zumindest geben durfte, und das es doch gab für diejenigen, die es aus irgendeinem Grund haben wollten.

Fraglich ist dagegen, ob es ein weiteres Idealporträt gab oder gibt, von dem im Sommer 1942 in einem Artikel berichtet wird, der in der California Digital Newspaper Collection zu finden und wie anzunehmen ist, in mehreren Zeitungen erschienen ist. (("Hitler Most Unusual Figure", in: San Bernardino Sun, 48. Jahrg., 8. Juni 1942, S. 6. Online)) Sein Verfasser, Frederick C. Oechsner, arbeitete in Berlin für United Press und sein Reihe von sechs Beiträgen, wird im Vorspann zu ihnen ausgeführt, beruhe auf Informationen, die aus Deutschland herauszubringen die Gestapo zu verhindern versuchte.

Der erste Beitrag, der sich auch mit dem Ableben von Hitler und mit den für diesen Fall getroffenen Vorkehrungen beschäftigt, endet mit folgendem Abschnitt:

Whatever may some day happen to Hitler, he had taken care that the Germans shall have a picture to remember him by in the proper heroic proportions. He had a portrait painted by the artist, Fidus, and decided that after his death it was to be the picture used to commemorate him in every home, school and public building in the reich. It is a significant picture, showing Hitler standing on a hillock. The sunlight forms a halo around his head. Men in uniforms of all of the political and military organizations of the third reich stand around him gazing up adoringly.

Ob der Verfasser etwas durcheinandergebracht hat? Oder die Geschichte zu Propagandazwecken frei erfunden? So oder so belegt sie die unmittelbare Verbindung, die zwischen dem Nationalsozialismus und Fidus gemacht wird und bis heute seine Anerkennung als ernstzunehmenden Künstler ausserhalb von Deutschland verhindert zu haben scheint. Ob zu Recht oder nicht, ist eine andere Diskussion.

Cover Image

Die Vorarbeiten zur grossen Publikation Fidus-Karten, so der Arbeitstitel, haben begonnen. Enthalten wird er die mehr als 200 Postkarten, die Fidus in seinem Verlag herausgegeben hat. Zudem enthält er die Postarten, die andere mit Fidus-Motiven herausgegeben haben.

Da etliche Originale von Fidus verschollen sind, wird der vollständige Katalog der Postkarten auch das erste durchgängig bebilderte Werkverzeichnis seiner Gemälde darstellen.

Ergänzt werden die Reproduktionen durch eine Auswahl der handschriftlichen Bemerkungen, mit denen Fidus, meist auf der Rückseite der Postkarten, die Motive kommentierte. Zudem werden verschiedene Autoren und Autorinnen sich mit einzelnen Postkarten oder Postkarten-Motiven oder -Themen auseinandersetzen.

Alle Texte erscheinen auch in Englisch. Damit wird Fidus-Karten die erste Fidus-Monographie in einer Fremdsprache.

Erscheinen soll die Publikation im Sommer oder Herbst 2019. Zur Finanzierung eines Teils der Kosten wird im Februar 2019 ein Crowdfunding gestartet.

Bild: Fidus-Bilder in der Ausstellung "Künstler und Propheten" 2015 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt.